KOLUMNE
Der Systemfanatiker




Ästhetisch zweifelhaft, fachlich perfekt: Uwe Rapolder Foto Imago


Um es von vorneweg klar zu stellen: Ich mag Uwe Rapolder als Menschen nicht besonders. Wenn ich mal in seine Nähe komme, bei Fußball-Spielen und Pressekonferenzen, fühle ich mich unwohl. Rapolder hat eine Aura, die nicht gut mit meiner klar kommt. So ähnlich muss es zwischen Lothar Matthäus und Jürgen Klinsmann gewesen sein.

Nun weiß ich auch, dass Rapolder durchaus belesen ist, dass er sich sogar mit großen Philosophen beschäftigt hat – was nun wahrlich nicht viele Trainer von sich behaupten können. Ich halte ihn auch nicht für „den größten Blender unter Gottes Sonne“, wie ein Bielefelder Fan in einem Forum mal gewettert hat. Aber seine Aussagen sind zu selbstverliebt, tönen zu laut, kommen zu herrenmäßig daher. Seine Stimme kratzt unangenehm in meinen Ohren. Ich möchte weggehen, wenn ich sie höre.

Und dann diese Frisur, manchmal Goldkettchen oder spitze Angeber-Stiefeletten, so ähnlich müssen sich tschechische Autoschieber Ende der 70er Jahre gekleidet haben. Aber ästhetische Sünden unserer Fußball-Lehrer sollen in dieser Kolumne auch nicht zentral behandelt werden. Auch will ich Rapolder nicht schon wieder zu nahe treten, es ist noch nicht allzu lang her, dass sich sein Anwalt mächtig beschwerte, weil wir in einem RUND-Artikel über Spielerberater seinen Klienten in ein ungünstiges Licht gerückt hätten.

Respekt dagegen habe ich vor dem Fußball-Systematiker Rapolder, der in bestimmten Arbeitskonstellationen überragende Qualitäten zur Wirkung bringen kann. Was Rapolder bei Waldhof Mannheim, LR Ahlen und Arminia Bielefeld bewirkt hat, ist aller Ehren wert. In kurzer Zeit schaffte er es, diesen Teams seine Vorstellungen von Fußball zu vermitteln, die Rapolder in einem „taz“-Interview mal so erklärte: „Konzeptfußball ist das Abstimmen der einzelnen Spieler und Mannschaftsteile aufeinander. Bei Ballbesitz des Gegners muss dessen Spiel langsam gemacht werden, es gilt die Räume zu schließen und den Ball zu erobern. Bei eigenem Ballbesitz geht es schnell in die Spitze, die Spieler müssen nachrücken, wichtig sind Kurzpass- und Vertikalspiel.“

Das sind Weisheiten, wie sie inzwischen jeder Kreisklassen-Trainer zum aktiven Wortschatz zählt. Rapolder lässt sie aber so radikal umsetzen, dass es jedem Gegner die Luft abschnürt. Dafür braucht er aggressive und laufstarke Spieler, die gewillt sind, ihre persönlichen Interessen und Qualitäten in den Dienst des großen Entwurfs zu stellen. Oder anders herum gesagt: Wenn das Team nicht über Einzelkönner verfügt, muss das System um so besser sein. Unter solchen Bedingungen trumpft Rapolder auf, unwiderstehlich. Die Turn- und Spielvereinigung Koblenz bietet ihm momentan die optimalen Strukturen, um sich darin zu verwirklichen. Zu Rapolders wertvollsten Akteuren zählen Anel Dzaka und Goran Sukalo, Namen, die selbst Experten Rätsel aufgeben.

Hat Rapolder Stars im Team wie beim 1. FC Köln Lukas Podolski, für den System im Fußball ein Unwort ist wie Ersatzbank oder Kreuzbandriss, dann macht er individuelle Zugeständnisse. Dann rückt sein Konzept in den Hintergrund – was letztendlich zum Qualitätsverlust führt.

Jürgen Klopp, der vor wenigen Jahren als erster mit Rapolder und Ralf Rangnick den Begriff des Konzeptfußballs mit Inhalt füllte, freut sich schon gewaltig auf die kommende Saison in der Zweiten Liga, wie er einem Fachmagazin erzählte. Da habe man „einen größeren Einfluss auf die Mannschaftsleistung. Man kann mit mannschaftstaktischen Dingen mehr Erfolg haben als oben, wo die Klasse der Spieler oft die Partien entscheidet.“

Es spricht manches dafür, dass die TuS Koblenz die Überraschungsmannschaft in der härtesten Zweiten Liga aller Zeiten wird, mit Stars gespickten Klubs wie Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln. Solche launenhaften Glamourtruppen liegen den Koblenzern Systemfanatikern. Vorausgesetzt natürlich, Rapolder legt sich nicht mit seinen Spielern und Funktionären an. Auch wenn ich Gefahr laufe, mich hier als Fußball-Dilettant zu entlarven: Diese günstige Prognose bin ich dem Fußball-Taktiker Rapolder einfach schuldig.

Rainer Schäfer

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