EUROPAMEISTERSCHAFT
Vienna Calling
Die deutsche Elf fährt wieder nach Wien. Elmar Neveling war zum letzten Gruppenspiel in der Hauptstadt Österreichs. Er berichtet von meisterschalengroßen Schnitzeln, Fußball schauen in Hütteldorf und Fluchtgefühle des gemeinen Wieners im Angesicht teutonischer Fans.

Fans
Deutsche Fans auf dem Weg nach Wien: "Humba Tätärä" Foto Hochzwei


Wien. Das ist der Prater, das ist eine Melange in gemütlicher Kaffeehaus-Atmosphäre und Kaiserin-Sissi-Kult in Schloss Schönbrunn. Pflichtbesuch auf einer Sightseeing-Tour durch Österreichs Hauptstadt – rein zufällig natürlich genau zu jener Zeit, in der Jogis Löwen gegen das Team Austria spielen.

Von Sissis Schönbrunn führt uns der Weg direkt zu Marko Rehmer, der im Café gegenüber gerade gemütlich seinen selbigen schlürft. Mit dem früheren Verteidiger von Hertha BSC spielte Deutschland einst bei der EM 2000 unter Erich-warum-hört-mir-eigentlich-niemand-zu-Ribbeck ein katastrophales Turnier. Aus in der Vorrunde, nach je einem jämmerlichen Tor und Punkt aus drei Spielen. Sicher nicht allein Rehmers Schuld, doch hoffentlich kein schlechtes Omen für das Spiel morgen gegen Austria.

Am 16. Juni war es dann vorbei mit der berühmten Wiener Gemütlichkeit. Mit der U1 fahren wir Richtung Stadtmitte, zum Stephansplatz. Hier sind wir nicht weit entfernt vom besten Schnitzel der Stadt bei Figlmüller. Der sehr flache, meisterschalengroße Riesenoschi passt nicht auf einen handelsüblichen Teller, man muss ihn unbedingt zusammen mit einem „Vogerlsalat“ – unsereins eher als „Feldsalat“ bekannt – probieren.

Draußen angekommen, erwarten uns vertraute Klänge. „Hinsetzen, hinsetzen!“, schallt es uns entgegen. Die schwarz-rot-goldene selige Menge setzt sich wie befohlen hin. Gib’ mir ein H! Haaaaaaaa! Gib’ mir ein U! UUUUUUUU! Gib’ mir ein M! EMMMMMM! Gib’ mir ein B! Beeeeeeee! Gib’ mir ein A! AAAAAAAAA! – HUMBA, HUMBA, TÄTÄRÄ, TÄTÄRÄ…“ Fußballfans sind manchmal so wunderbar schmerzfrei.

40.000 Deutsche sollen an diesem Tag in Wien sein, auf dem Stephansplatz sind es bereits morgens um 10 Uhr gefühlte 10.000. Weiße Nationaltrikots, wohin man schaut. Ungläubige österreichische Blicke, wohin man schaut. Der gemeine Wiener scheint leicht pikiert ob der ungewohnten Ruhestörung und begutachtet die Fußballtouristen wie eine Horde wild Gewordener. Manch einen unserer Nachbarn möchte man schütteln: „Aufwachen, es ist EM! Und bald schon wieder vorbei – zumindest für Euch…“

Wieder zurück in der U-Bahn vernehmen wir eine Fachfrage, die bei Jauchs Millionenquiz mindestens 500.000 Euro schwer wäre, mindestens: „Du Herzerl (das „l“ am Ende eines Substantivs ist für den echten Wiener elementar), sag’ mal, was ist das überhaupt, eine Tordifferenz?“ Für jemanden, der aus Dortmund kommt, der also tagtäglich Fußball einatmet, kommt das in etwa der Frage gleich: „Welche Form hat eigentlich der Ball?“

Karten fürs große Spiel im Ernst-Happel-Stadion haben wir leider nicht; so verrückt wie ein Fan, der bis zu 1.000 Euro auf dem Schwarzmarkt für ein Ticket bezahlt haben soll, sind wir dann doch nicht. Doch wir wollen das einstige Praterstadion zumindest mal von außen begutachten, ein bisschen Atmosphäre schnuppern. Ganz in der Nähe befindet sich das größte Fancamp Österreichs, das fest in teutonischer Hand ist : der Fanclub der deutschen Nationalmannschaft hat sich hier einquartiert. Wolle Petry dröhnt aus der Box – hier sind wir zuhause.

Abends geht’s auf zum public viewing ins Gerhard Hanappi, dem Stadion von Rapid Wien im Stadtteil Hütteldorf. Benannt nach seinem Architekten und zugleich legendärem Spieler von Rapid. Ein schnuckeliges Stadion, das nur gut 18.000 Zuschauern Platz bietet. Und wie mich mein Wiener Freund Thomas aufklärt, „das Herz des österreichischen Fußballs“. Na denn, wagen wir uns in die Höhle des bei der Euro bislang so zahmen Löwen.

Das Hanappi ist kultig, es hat noch diesen alten Charme eines klassischen Fußballstadions. In dem es noch nach dem Schweiß behaarter Fußballerbeine riecht und statt Scampi noch das Frankfurter Würstl (so heißt das Wiener Würstchen tatsächlich!) in der Semmel liegt. Keine moderne Arena mit Schnickschnack für die Schickimickis, sondern ein offenes Stadion, durch das der Wind kräftig durch die offenen Ecken bläst. Heute, am schwülen Sommerabend, ist das sehr angenehm.

12.000 Österreicher wittern die Sensation und haben sich im Hanappi versammelt, die Fanmeile in der Innenstadt ist mit knapp 100.000 Menschen hoffnungslos überfüllt. Offenbar jedes dritte Rothemd hier im Stadion trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck „Wien wird Cordoba“. Ja Herrschaftszeiten, habt Ihr denn nichts anderes zu feiern, als einen WM-Sieg gegen uns vor genau 30 Jahren? Nein, haben sie in der Tat nicht. Zumindest nicht im Fußball. Für all diejenigen, die es bereits verdrängt hatten: Bei der Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien schlug Österreich den amtierenden Weltmeister Deutschland in einem gewissen Córdoba mit 3:2. Ein monumentales Ereignis, das Austrias Reporter Edi Finger dazu veranlasste, sein legendäres „I wer’ narrisch“ ins Mikro zu brüllen.

Ist es denn nicht a bisserl peinlich, noch drei Jahrzehnte später einen Sieg zu feiern, der nicht einmal zu einem wirklichen Erfolg führte? Schließlich stand für „Schneckerl“ Prohaska & Co. damals bereits vor dem Sieg gegen die DFB-Elf fest, dass auch sie die WM-Heimreise antreten mussten.

Kurzer Bild- und Tonausfall, mitten im Spiel. Die Menge tobt. Steckt ja doch ordentlich Leidenschaft in unseren sonst so zurückhaltenden Nachbarn. Ich greife zur „Österreich“, so etwas wie die „Bild“ der Alpenrepublik. Die Zeitung titelt: „Wir ziehen Euch die Hosen aus“ und zeigt dazu einen zur Gänze entblößten Michael Ballack. Austria-Stürmer Martin Harnik, der für Werder Bremen spielt, hatte bereits tags zuvor gemutmaßt: „Die Deutschen stehen nach der Niederlage gegen Kroatien unter Druck und werden sich in die Hose scheißen.“ Wie bitteschön soll das denn gehen, wenn wir laut „Österreich“ doch gar keine anhaben?

Der Rest ist bekannt: Ballack sagt nach dem 1:0, die forschen Aussagen des Gegners vor der Partie hätten ihn verwundert. Ganz so, als ob Österreich bereits dreimal Weltmeister geworden wäre. Sind sonst nicht immer wir, die Piefkes, die „Großkopferten“, die Arroganten? Verkehrte Welt.

Die Österreicher nahmen die Niederlage ihrerseits mit der üblichen unaufgeregten Gelassenheit hin. So, wie sie halt sind. „Im Skifahren werden wir Euch wieder schlagen, liebe Nachbarn“, hören wir den Radiomoderator bei der Heimreise sagen. Kein Widerspruch.

Auch Thomas’ österreichischer Freund Peter klingt versöhnlich. Er ist Fan von…Schalke 04 – und will seine zukünftige Frau eines Tages in der Schalker Stadion-Kapelle heiraten, sofern sie denn ebenfalls auf Königsblau steht! Wenn das keine gelebte Völkerverständigung ist.

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