REGIONALLIGA
Endlich ist es vorbei
Problemfall Regionalliga: Mit großen Hoffnungen sind viele Klubs in die neue Vierte Liga gestartet. Selbst ein Traditionsverein wie Altona 93 ist froh, nun wieder in der Oberliga zu spielen. Von Matthias Greulich.

Altona 93

Zurück in die Adolf-Jäger-Kampfbahn: Bei Altona 93 sind sie froh, dass sie nicht mehr in der Regionalliga spielen müssen Foto Bernd Greulich



Wenn diese Serviette das Stadion ist, dann ist die lange Linie das Problem. Die misst in Wirklichkeit über 100 Meter und ist im Stadion an der Hoheluft ausschließlich Fans der gegnerischen Mannschaft vorbehalten. „Selbst wenn nur 30 Anhänger kommen“, sagt Dirk Barthel. Das hat der Deutsche Fußball-Bund (DFB) aus Sicherheitsgründen so verfügt. Die eigenen Fans müssen auf der kurzen Linie stehen. „Ungefähr dort“, so Barthel und markiert das imaginäre Spielfeld mit seinem Fingernagel so heftig, dass es quietscht. Hinter dem gegnerischen Tor ist auch der Stammplatz des Präsidenten von Altona 93. Momentan im frühlingshaft hellen Trenchcoat, zuvor lange Monate im Übergangsmantel, versuchte er den Ball „ins Tor hineinzuwünschen“. Das hat zu selten funktioniert, konstatiert der 67-Jährige mit leiser Wehmut. Und wegen der hohen Sicherheitszäune sieht man nicht einmal besonders gut. In der kommenden Saison, soviel ist sicher, haben Barthel und die Fans des Altonaer Fußball Clubs Borussia von 1893 wieder freie Sicht. Der AFC steigt nach einem Jahr in der Regionalliga Nord, der vierten Liga, in die Oberliga Hamburg ab. In dieser „S-Bahn-Liga“ braucht Altona keine hohen Zäune mehr. Nach den Sommerferien geht es daher zurück in die Adolf-Jäger-Kampfbahn, bis 2008 die ewige Heimat des Vereins. „Viele Fans“, sagt Barthel, „freuen sich darüber.“

Die Anhänger können dann ihre Stammplätze wieder einnehmen: Im „Black Bloc“ sind viele, die vor der Vereinnahmung des FC St. Pauli durch den Mainstream nach Altona geflohen sind. Auf dem „Zeckenhügel“ stehen seit Jahren Mitglieder der örtlichen Bauwagenszene und dieses Stadion hat anders als das Millerntor noch eine „Meckerecke“. Dort singen Mittfünfziger laut und beseelt „Aah-Efff-Ceee“. Immer wieder. „Altona 93 ist ein Kultverein“, findet Barthel. Bei einem Aktions-Tag werden die Fans bei Reparaturarbeiten demnächst im Stadion Hand anlegen können. „Das haben wir euch doch schon lange angeboten“, sagten Fanvertreter. Sie wissen, dass es ihrem Verein finanziell schlecht geht.

Während dieses wilden Jahres im semiprofessionellen Fußball hat Altona 93 ständig zu wenig Geld eingenommen. Die fußballerische Nummer drei in Hamburg hatte mit 1.200 Zuschauern pro Heimspiel gerechnet. Letztlich kamen 800. Bei den Vermarktungserlösen, die beim HSV und dem FC St. Pauli einen bedeutenden Teil des Etats ausmachen, war das Einnahmeproblem noch größer. „Ich bin enttäuscht: Viele hatten ein Sponsoring zugesagt, das dann nicht zustande kam“, so Barthel. Wenigstens er unterstützt den AFC: Sein Familienbetrieb für Schiffahrtsarmaturen ist seit 22 Jahren Trikotsponsor. Es heißt, Altona sei von ihm ähnlich abhängig wie einst St. Pauli vom Architekten Heinz Weisener. Der Altonaer Barthel will davon nichts hören: „Lassen Sie uns nicht über Geld reden.“ Schon sein Vater Fritz war Kleinsponsor des AFC. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche Schiffsansichten im Büro des Firmenchefs, die demnächst in Umzugskartons verpackt werden. Der Betrieb zieht mit seinen 88 Mitarbeitern nach 48 Jahren von Alt-Ottensen ins Gewerbegebiet nach Stellingen. Am bisherigen Standort in Elbnähe werden Wohnungen gebaut.

Das Präsidium gleicht ebenfalls einer Baustelle. Barthel und seine Kollegen bereiten sich auf eine Steuerprüfung vor, die Ende Mai ansteht. „NDR online“ hatte im März das sehr spezielle Altonaer Steuersparmodell aufgedeckt: Der Klub hatte unterschiedliche Arbeitsverträge für Spieler bei Finanzamt und DFB eingereicht. In den Verträgen für das Finanzamt war ein niedrigeres Gehalt eingetragen, die Differenz wurde nicht versteuert. „Ich konnte es nicht glauben: Das ist in drei Fällen so gewesen“, sagte AFC-Geschäftsführer Hartmut Schlegel. Der Klub erstattete Selbstanzeige beim Finanzamt, der DFB verweigerte Altona die Lizenz. „Wir werden alles aufarbeiten“, sagt Barthel. Momentan gehen Schlegel und er von einer Steuernachzahlung von 15.000 Euro aus.

Hinterher ist man klüger. Eigentlich hatten sie beim DFB wegen des hohen finanziellen Risikos keine Lizenz für die vierte Liga beantragen wollen. Aber da zum Fußball auch der Wunsch gehört, mit dem eigenen Verein gegen möglichst gute Mannschaften zu spielen, freute sich Barthel über das Angebot des SC Victoria, gemeinsam ein regionalligataugliches Stadion zu nutzen. „Wir hatten kaum Zeit, zu überlegen“, so Barthel. Den ganzen Sommer über wurden die Sicherheitszäune montiert, der AFC musste rund 60.000 Euro investieren. Das Kleingedruckte kam per Post vom DFB: 100 eng beschriebene Seiten mit Sicherheitsvorschriften. Der Hintergrund: Gewaltbereite Fans weichen verstärkt auf Spiele der dritten und vierten Liga aus, weil die Bundesliga-Arenen stärker überwacht werden. Beim Hochsicherheitsspiel gegen Chemnitz waren etwa 80 Ordner für die Fantrennung und Sicherung der Eingänge vorgeschrieben. Von den Zuschauereinnahmen blieb nach Abzug der Kosten für den Ordnungsdienst gerade noch ein Drittel übrig. „An jedem dieser Eingangstore müssen Ordner stehen“, sagt Barthel und faltet die Serviette zusammen. „Aber das ist ja bald vorbei.“


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Adolf-Jäger-Kampfbahn
Seit 1908 spielt Altona 93 auf dem vereinseigenen Stadion an der Griegstraße in Bahrenfeld. Dort kamen in den 1950er Jahren regelmäßig bis zu 30.000 Zuschauer, um den AFC zu sehen. Mittelfristig will der Verein in ein neues Stadion umziehen, dann würden in der „AJK“ Wohnungen gebaut werden. Das Präsidium verhandelt darüber seit Jahren mit den Altonaer Bezirkspolitikern. Als Standort ist derzeit ein Gelände auf dem Autobahndeckel vorgesehen, der auf der A7 geplant ist. „Die angedachte Lösung auf dem Gelände der Trab-Arena in Bahrenfeld hat sich wohl zerschlagen“, so Altonas Präsident Dirk Barthel.

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