cHip im BallDas Bloemfontein-TorNach dem nicht gegebenen Tor von Frank Lampard wird der Einsatz technischer Hilfsmittel gefordert. Die Fifa lehnt den Chip im Ball weiterhin kategorisch ab: Die Regelhüter wollen die Technik aus dem Spiel heraushalten. Was halten Profis, Schiedsrichter und Amateurspieler davon? Andreas Haupt hat nachgefragt.

Die Fifa will ihn nicht: Der Chip im Ball Foto Pixathlon
Geoff Hurst hat sich ein Denkmal gesetzt. Ein kurzer Augenblick seines Lebens ist in den Geschichtsbüchern verewigt. Aber weitaus mehr als er selbst hat eines seiner Tore hohen Bekanntheitsgrad erzielt. Das wohl legendärste der Fußballgeschichte. Das berühmte Wembley-Tor zum 3:2 für England im WM-Finale 1966. Mehr als vier Jahrzehnte danach wird immer noch darüber gestritten, ob der Ball wirklich mit vollem Umfang hinter der Linie war oder nicht.
Zur damaligen Zeit gab es keine hochauflösenden Kameras oder sonstigen Schnickschnack. Die Fernsehbilder wurden in schwarz-weiß ausgestrahlt. Vielleicht ist gerade deshalb das Tor zu einem Mythos geworden.
Mit dem Einsatz modernster Technologien wüsste man heute sicher, ob der Ball drin war: Der Einsatz des Chips im Ball oder der Torkamera sind technisch seit einiger Zeit ausgereift. Im Fußball werden sie nicht eingesetzt: Im März dieses Jahres entschied sich das höchste Regelentscheidungsgremium, das International Football Association Board (IFAB), gegen derartige Hilfsmittel für die Schiedsrichter. „Wir sind alle der Meinung, dass Technologien aus dem Spiel herausgehalten werden müssen, denn das besondere im Fußball sind die Menschen, und da gehören Fehler dazu“, sagte Fifa-Generalsekretär Jér√¥me Valcke.
Revolutionäre Entscheidungen waren von den Regelhütern nicht zu erwarten gewesen: Sie traten auf Anregung des englischen Fußball-Verbandes FA zum ersten Mal im Jahr 1886 als IFAB zusammen. Neben der FA nahmen auch Vertreter des schottischen, walisischen und irländischen Verbands an dem Treffen teil. Das übergeordnete Ziel: ein einheitliches Regelwerk zu schaffen. 1913 schloss sich die Fifa dem Gremium an. Traditionell besteht es seither aus Vertretern der vier britischen Verbände und vier Fifa-Vertretern. Um eine Änderung der Statuten herbeizuführen, ist eine Dreiviertel-Mehrheit der Stimmen nötig. Jedes Fifa-Mitglied ist dazu berechtigt, Vorschläge, Anträge und Gesprächsthemen vier Wochen vor jeder IFAB-Sitzung beim Generalsekretär der Fifa einzureichen.
Auf der 124. Jahresversammlung in Zürich wurden der Chip im Ball und das Hawkeye-System mit großer Mehrheit abgelehnt. Einer der Gründe: Die Universalität des Spiels muss geschützt bleiben. Grund zum Aufatmen für Fifa-Präsident Joseph S. Blatter: „Wenn man eine Gruppe von Jugendlichen trainiert sollen diese unter denselben Regeln spielen, wie die Profis, die sie im Fernsehen sehen.“ Männer, Frauen, Jugendliche und Amateurspieler: Alle spielen unter den gleichen Bedingungen.

Dass Wembleytor: Ob das 3:2 für England im WM-Finale 1966 gegen Deutschland regulär war, wird immer noch diskutiert. Foto Pixathlon
Der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Konrad Plautz aus Österreich kann die Entscheidung nachvollziehen: „Die Fifa hat das Recht Vorschläge abzulehnen. Sie muss sich nicht nur um die Profis kümmern, sondern auch nach den Amateuren schauen, von den Kleinsten angefangen“.
„Nicht jeder Verein“, so Plautz weiter, „kann sich das System mit dem Chip im Ball leisten.“
Es müsste tatsächlich mehr als nur ein kleiner Chip in einen Fußball eingebaut werden: Im Strafraum und hinter der Torlinie werden schmale Kabel verlegt, die ein schwaches Magnetfeld erzeugen. Ein kleiner Sensor im Ball kann diese Magnetfelder messen. Über Funk sendet der Chip die Messdaten an zwei Empfangsantennen. Die Empfänger hinter dem Tor senden diese Werte an einen zentralen Computer, der wiederum berechnet, ob der Ball hinter der Torlinie ist. Entscheidet der Computer auf Tor, wird das dem Schiedsrichter auf seiner Uhr angezeigt. Alles innerhalb dem Bruchteil einer Sekunde. „Für die Schiedsrichter wäre das System ein Riesenvorteil. Es geht manchmal so schnell, da kann man gar nicht sagen, ob der Ball hinter der Linie war oder nicht“, so Plautz. Er sieht die Gefahr, dass die „Zuschauer das Ganze immer mehr und mehr ausweiten wollen“.
Doch wie denkt ein Amateurspieler über die Torsysteme? Stefan Hess vom TSV Regglisweiler (Bezirksliga, Bezirk Donau-Iller) fände es „generell störend, wenn sich Technik im Fußball weiter ausbreiten würde“. Der Fußball würde zu sehr an Reiz verlieren. Modernste Technik nur im Profi-Fußball wäre für den 20-Jährigen dennoch kein Problem.
Schwierigkeiten machte jedoch die Technik. Anfangs entwickelte das Unternehmen Fraunhofer-Gesellschaft im Auftrag der Cairos Technology AG das System. Bei Tests kam es immer wieder zu Fehlern. Daraufhin übernahm Cairos die Arbeit selbst. Die Technik wurde überarbeitet und bei der Klub WM 2007 erfolgreich eingesetzt, wie Mitarbeiter Oliver Braun bestätigt. „Das System ist auch billiger als zwei zusätzliche Schiedsrichter.“
Im Gegensatz zum Goal Line Technology System von Cairos findet der zweite Vorschlag mit dem sich das IFAB auseinandersetzten musste in anderen Spitzen-Sportarten bereits Verwendung. Auf großen Tennisturnieren ist das Hawkeye („Falkenauge“) fester Bestandteil. Auf den Trainingsplätzen des FC Fulham und Reading FC testete die Firma Hawkeye-Innovations ihr System; auch erfolgreich glaubt man dem Unternehmen. Mit Hilfe von verschiedenen Kameraperspektiven wird eine 3D Simulation erstellt. Innerhalb kürzester Zeit wird auf Bildschirmen sichtbar, ob der Ball die Linie überquert hat.
Zwei Systeme, ein gemeinsamer Nenner: Das IFAB hat sich gegen sie entschieden. Profi Stefan Aigner vom TSV 1860 München „findet die Entscheidung gut“. „So bleibt auch immer etwas Zündstoff. Aber natürlich ist es ärgerlich, wenn man betroffener Spieler ist und es geht gegen den Abstieg. Da kann eine Fehlentscheidung den Verein gleich mehrere Millionen kosten.“ Die Universalität im Fußball ist für Aigner ebenfalls wichtig. „So lernt man alles wie die Profis und das finde ich gut.“ Aigner glaubt jedoch, dass es „die Kleinen nicht stören würde, wenn die Profis mit dem Chip-Ball spielen“.
Amateurspieler Patrick Emmert (2. Mannschaft des 1.FC Heidenheim, Landesliga) plädiert sogar für den Chip bei den Amateuren. Sein Vorschlag: Jeder Profi-Verein sollte einen Geldbetrag zur Verfügung stellen. Eine Torkamera im Amateurbereich hält der 19-Jährige allerdings „für übertrieben“. Für Emmert steht jedoch fest: Durch Technologien wie den Chip im Ball oder der Torkamera könnten Ungerechtigkeiten vermieden werden. „Mich würde es aber schon ein bisschen stören, wenn nur bei den Profis der Chip eingesetzt würde.“
Trainer Felix Magath vom FC Schalke 04 fordert schon länger den Einsatz modernster Technik. Der ehemalige Fifa-Schiedsrichter Markus Merk hat einen Vorschlag: eine drei Mal zwei Regelung. „Beide Teams und die Schiedsrichter dürften jeweils zweimal eine Klärung am Bildschirm verlangen“, verriet er dem Magazin „11Freunde“ ; also ähnlich wie beim American Football. Doch was ist mit dem Spielfluss? Konrad Plautz gibt zu bedenken, dass sich das Spiel dadurch in die Länge zieht. „Im Sommer würde das ja noch gehen, aber im Winter, wenn es kalt ist, da würden die Zuschauer irgendwann das Stadion verlassen“.
Im American Football, Basketball, Tennis, Snooker und Eishockey werden moderne Techniken eingesetzt. Sportarten, in denen es allerdings häufiger zu Unterbrechungen kommt. Fußball ist dagegen ein recht flüssiges Spiel. Wie geht es weiter? Nach dem nicht gegebenen Tor von Frank Lampard imAchtelfinale gegen Deutschland diskutiert die Fußballwelt so heftig wie lange nicht mehr. "Ich bin für die Torlinientechnologie", sagte Lampard. Für die Fifa ist das alles nach wie vor kein Thema. Eins ist sicher: Die Diskussion dürfte ein Dauerbrenner werden.