Taktik
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Unter dem Druck der Oligarchen
In der Ukraine gibt es keine Pressefreiheit. Nicht mal im Fußball. Wird der doch genauso von den Oligarchen missbraucht, wie die Medien selbst. Wer sie kritisieren will, muss kreativ sein. So wie Artem Frankow, der bekannteste Fußballjournalist im Land. Von Olaf Sundermeyer
Chefredakteur des nationalen Fußballmagazins „Futbol“: Artem Frankow
Foto Olaf Sundermeyer
Vor der Tür des maroden Plattenbaus, in dem Artem Frankow am Küchentisch sitzt und beim Gespräch über Fußball bröckeligen Zucker aus einem umgewidmeten Marmeladenglas in zwei Teetassen löffelt, steht keiner dieser protzigen schwarzen Geländewagen. Auch sonst gibt es hier keinerlei Luxus. Die Nachbarn schauen fern, von der Straße dringt der geschäftige Lärm der nördlichen Kiewer Trabantenstadt Obolon durch das Küchenfenster. Der Chefredakteur des nationalen Fußballmagazins „Futbol“ hinterlässt nicht den Eindruck, von den korrupten ukrainischen Zuständen zu profitieren.
Das könnte er wohl. Aber dann dürfte er nicht mehr die Bedingungen im ukrainischen Fußball kritisieren. Also die Umstände, für die ausschließlich die Oligarchen verantwortlich sind, die den Fußball kontrollieren. Ihnen gehören die Spieler, die Klubs, die Zeitungen, Fernsehsender und Übertragungsrechte; sie haben die Macht im ukrainischen Fußballverband (FFU). Längst haben sie die Fußballeuropameisterschaft zu ihrer Privatangelegenheit gemacht, zu der sie auch die Berichterstattung über das Ereignis selbst zählen: Denn darüber, dass sie beim Straßen- und Stadionbau an den völlig überzogenen Kosten für den Staatshaushalt verdienen, berichtet hier kaum jemand.
Inhaltsleer: Der Presseraum im Stadion von Charkow Foto Olaf Sundermeyer
Keine freie Berichterstattung in der Ukraine - auch nicht über Fußball
Auch über die explodierenden Hotelpreise und die Alltagskorruption, über die ausländische Fans sich Sorgen machen, können ukrainische Journalisten nicht frei berichten. Weil den wichtigsten Profiteuren dieser Zustände selbst - also die Oligarchen - die Medien gehören: Auch die United Media Holding (UMH), die Eigentümerin von „Futbol“ sowie der wichtigen täglich erscheinenden Sportzeitung „Komanda“ (Mannschaft). Steckt die Holding doch in einer Partnerschaft mit den Oligarchen Igor Kolomojskij und dem Clan der beiden Surkis-Brüder aus Kiew, ein Insider nennt sie „Alliierte“. Während dem einen, Kolomojskij, der Fußballklub Dnjepr Dnjepropetrowsk gehört, außerdem der große Medienkonzern „1+1“ (der die Fernsehrechte an der EURO 2012 hält, sowie die Übertragungsrechte der übrigen europäischen Wettbewerbe und der heimischen Premier Liga), haben die schwerreichen Surkis-Brüder jeweils die Kontrolle über den Spitzenklub Dynamo Kiew und über den nationalen Fußballverband FFU, deren Präsident Grigori Surkis ist. Er gilt als wichtigster osteuropäischer Verbündeter von Michel Platini, Präsident des europäischen Fußballverbandes UEFA, dem Ausrichter der EURO 2012.
Dieses komplizierte Geflecht ließe sich noch weiter entfalten. Denn auch der einflussreichste Oligarch, Rinat Achmetow, Förderer des ukrainischen Präsidenten Wiktor Janukowitsch und Eigentümer des Klubs Schachtar Donezk ist ein wichtiger Medienunternehmer (Segodnia-Multimedia, Media Gruppa Ukraina). Nebenbei setzt er einige der größten Bauaufträge (Stadien, Straßen, Flughäfen) für das Turnier selbst um. Alle zusammen verbreiten sie dabei ein Klima, in dem Pressfreiheit sich nicht entfalten kann.
Systematische Zensur der Regierung
Das sieht auch die unabhängige Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (RoG) so. Auf ihrer Liste der Pressefreiheit rangiert die Ukraine in Europa ganz unten. „Seit der Wahl von Wiktor Janukowitsch zum Präsidenten im Jahr 2010 hatte sich die Situation der Pressefreiheit in der Ukraine rapide verschlechtert“, sagt Ulrike Gruska, Pressreferentin bei RoG in Berlin über den Präsidenten, der von dem Oligarchen Rinat Achmetow maßgeblich beeinflusst wird.
Seine Regierung zensiert nach RoG-Angaben die Medien systematisch, setzt deren Mitarbeiter unter Druck und versucht sie einzuschüchtern. Daran hat sich nichts geändert, auch wenn die Ukraine just in diesem Jahr um einige Plätze auf der Liste der Pressefreiheit geklettert ist: Auf den 116.! „Aber die Situation in dem Land ist gleichbleibend schlecht. Denn gleichzeitig hat sich die einiger anderer Länder noch verschlechtert, nur deswegen belegt die Ukraine auf der Liste jetzt einen höheren Platz“, sagt Gruska: „In der Ukraine gab es alleine im vergangenen Jahr 35 tätliche Angriffe auf Journalisten“, zählt sie auf. Der Zusammenhang zwischen Oligarchie, Korruption und den Einschränkungen der Presse hier augenscheinlich.
Verklausulierte Kritik über Zitate
Und weil Fußballjournalist Artem Frankow sich in diesem Umfeld bewegen muss, zitiert er bei kritischen Themen beispielsweise Journalisten aus Ländern, in denen mehr Pressefreiheit herrscht. In seinem Editorial im „Futbol“ schreibt er also nicht: Tut doch endlich etwas gegen die Korruption unserer Zöllner, Grenzer und Verkehrspolizisten. Sondern er schreibt es so:
"Neulich habe ich mich mit einigen befreundeten Journalisten aus Deutschland getroffen. Sie haben mir einige interessante Dinge erzählt. Zum Beispiel, dass sie sieben Stunden lang bei der Einreise an der Grenze aufgehalten wurden. Sie hatten das Gefühl, dass eine Bargeldzahlung ihr Problem hätte lösen können, aber aus Prinzip haben sie es nicht getan. Ihr Vorhaben, die Ukraine auf ihre Fähigkeit zur Ausrichtung der EURO 2012 hin zu überprüfen, wurde damit plötzlich sehr real."
Er schreibt dort weiter über die exorbitanten Hotelpreise, über die sich die deutschen Kollegen echauffieren, und darüber, dass sie sich über diejenigen aufregen, die sich an der EURO 2012 eine goldene Nase verdienen. Selbst muss Artem Frankow sich zurückhalten, um sich am Ende in seinem Editorial doch noch eine eigene Frage zu erlauben: „Was machen wir mit denen [deutschen Fußballfans], die bereits mit schlechten Vorurteilen über die Ukraine versehen sind, und es nicht schaffen, sie wieder los zu werden?“ Die Antwort überlässt er seinen Lesern – und denjenigen, die über die EURO 2012 entscheiden.
Auf der Trainerbank des Finalstadions, dem Olympiastadion in Kiew: Olaf Sundermeyer
Foto Olaf Sundermeyer
Olaf Sundermeyer: Tor zum Osten, Werkstatt Verlag, 12,90 Euro, ISBN-13: 978-3895338533
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