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Wenn Mappus-Wählerinnen ins Schunkeln kommen
Beim VfB Stutgart sind sie sehr geschmackssicher, was die Stadionmusik anbelangt. Sie haben den perfekten Soundtrack für den Abstiegskampf ausgewählt, der den Fans immer wieder Hoffnung auf bessere Zeiten macht. Von Christoph Ruf

Fan des VfB Stuttgart

Die Hoffnung stirbt zuletzt: Es gab schon leichtere Zeiten für Anhänger des VfB Stuttgarts
Foto Pixathlon



An ihrer Stadionmusik sollt ihr sie erkennen. In der Welt stumpfer Cocktails aus Vorort-Disco-Beats und „Wir steh`n zu dir“-Lyrik legt man mancherorts noch Wert auf Distinktion. Wer vor einem Heimspiel von Wismut Aue nicht sofort vor Rührung eine Staublunge bekommt, wenn die Mannschaft zu den Klängen von „Der Steiger kommt“ das Spielfeld betritt, kann kein fühlendes Wesen sein. Und wer hört, wie Nina Hagen davon singt, „Eisern Union“ werde sich nicht vom Westen kaufen lassen, kriegt selbst dann eine Gänsehaut, wenn er aus West-Westfalen stammt und selbst dem Dschungelcamp jeden erdenklichen Z-Promi an den Hals wünscht, bei Nina Hagen aber aus übergeordneten Erwägungen einen Joker gewährt.

Insofern gebührt auch dem VfB Stuttgart endlich einmal ein lobendes Wort. Vor dem Spiel gegen den SC Freiburg erklang die Torhymne schon mal gleich eine Viertelstunde vor dem Anpfiff. Da die des VfB von der kalifornischen Punk-Band „Pennywise“ stammt und die praktischerweise des Abends in einem Stuttgarter Club aufspielte, gab es die „Bro-Hymn“ ausnahmsweise ohne Anlass – dafür aber live gespielt. Und auch wenn es ein wenig komisch aussah, wie die Mappus-Wählerinnen auf der Haupttribüne mit frisch getönten Haaren den Refrain („ooooo-o-o-o-o“) mitschunkelten, sie waren immerhin verdammt textsicher. So, jetzt ist fast die Hälfte des Textes geschrieben und bislang war es eine einzige Ode an die vortreffliche Geschmackssicherheit der VfB-Verantwortlichen. Soll also bloß keiner behaupten, man meine es nicht gut mit dem Club. Der Musikbeauftragte des VfB ist ein Vollprofi. Das muss auch mal gesagt werden.

Pennywise mit Anlass gab es an diesem Abend natürlich nicht, der VfB schießt in dieser Saison ja bekanntlich entweder gleich sechs (Bremen) oder sieben (Gladbach) Tore. Oder er spielt so, dass auch der optimistischste Fan nach drei Minuten alle Hoffnung fahren lässt. Nun fragt man sich natürlich, wie eine Mannschaft, in der eigentlich jedes Elftel sein Fußwerk versteht, in der Summe so dermaßen plan- und hilflos vor sich hinkicken kann, wie es der VfB in dieser Saison zumeist tut. Es gibt Leute, die diese Frage schlüssig beantworten können. Es sind die sechs Trainer, die der Club allein seit Sommer 2005 verschlissen hat. Sie alle weisen drei Parallelen auf. Erstens die, dass ihre jeweilige Spielphilosophie so wenig mit der des Vorgängers zu tun hat wie mit der des Nachfolgers. Zweitens die, dass sie sich ein paar Spieler kaufen durften, die der Nachfolger dann wieder nicht brauchen konnte. Und drittens die, dass sie von den immergleichen Leuten geheuert und gefeuert wurden. Es sind die Leute, die beim VfB seit Gottlieb Daimlers Zeiten das Sagen haben – ganz egal, wer unter ihnen grad Trainer oder Manager ist. In der Welt von Finanzvorstand Ulrich Ruf und Aufsichtsratschef Dieter Hundt muss ein Trainer weg, weil er entweder zu mächtig wird – dann hat er Erfolg. Oder weil er zu schwach ist – dann hat er keinen Erfolg. Mancher Ex-Coach soll die Zeit beim VfB nicht ohne Folgeschäden überstanden haben. Felix Magath holt derzeit jedenfalls massenhaft Spieler, die es schwer hätten, in der zweiten Mannschaft des VfB Fuß zu fassen. Doch das nur am Rande. Dass der Wahnsinn auch woanders tobt, ist im Schwäbischen längst kein Trost mehr.

Immerhin machen sie sich beim VfB auch Gedanken, was sie ihrem Publikum nach Niederlagen kredenzen. Serviert werden die Toten Hosen, die davon singen, dass man aufstehen muss, wenn man am Boden liegt. Weil man sonst liegen bleibt. Oder so. So schlau sind dann jedenfalls selbst die Leute, die beim VfB das Sagen haben. Campino hat also gute Chancen, bald einen Anruf aus Stuttgart zu bekommen. Er soll ja auch jede Menge von Fußball verstehen.

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