Taktik

Keine Angst vor flachen Hierarchien

Lange galt das Konzept des Führungsspielers als alternativlos. Der moderne Fußball zeigt: Die besten Teams werden nicht von einem Anführer getragen, sondern von vielen kleinen Führungsmomenten, die sich über das gesamte Spiel verteilen. Eine Analyse von Marius Thomas

Bei Manchester City sucht man den einen Führungsspieler vergebens: Leadership wechselt je nach Spielsituation. So lernte es auch der jetzige Bayern-Trainer Vincent Kompany als Profi bei den Citizens kennen. Foto: Pixathlon 

 

Führung im Fußball hatte lange ein klares Gesicht. Der Kapitän trug die Binde, führte die Mannschaft auf den Platz, sprach mit dem Schiedsrichter und war erster Ansprechpartner in schwierigen Momenten. Führung war sichtbar, eindeutig und an eine Person gebunden. Lautstärke, Präsenz und Erfahrung galten als die wichtigsten Eigenschaften. Dieses Bild prägt noch immer viele Vorstellungen von Leadership auf dem Platz – doch es beschreibt den modernen Fußball nur noch unzureichend. Heute entstehen entscheidende Führungsmomente oft dort, wo keine Binde getragen wird. Ein Sechser, der die Pressinghöhe anpasst. Ein Innenverteidiger, der mit seiner Positionierung Ruhe ins Spiel bringt. Ein Stürmer, der den Moment erkennt, in dem das Anlaufen eskaliert oder abgebrochen werden muss. Führung zeigt sich nicht mehr primär in Gesten oder Worten, sondern in Entscheidungen – häufig still, situativ und taktisch begründet. Der moderne Fußball ist zu komplex geworden für klare Hierarchien. Spielphasen wechseln schnell, Anforderungen variieren, Entscheidungsräume verschieben sich. In diesem Umfeld reicht es nicht, eine einzelne Führungsfigur zu haben. Teams benötigen mehrere Spieler, die Verantwortung übernehmen – jeweils in unterschiedlichen Kontexten. Führung wird damit zur Funktion, nicht zur Position. Diese Entwicklung verändert nicht nur das Spiel, sondern auch die Bewertung von Spielern. Wer führt, ist nicht immer der, der auffällt. Leadership wird unsichtbarer, aber nicht weniger wichtig. Sie liegt in der Fähigkeit, Situationen zu lesen, Mitspieler zu stabilisieren und das Kollektiv handlungsfähig zu halten. Der moderne Fußball zeigt: Die besten Teams werden nicht von einem Anführer getragen, sondern von vielen kleinen Führungsmomenten, die sich über das gesamte Spiel verteilen.

 

Bastian SchweinsteigerLangjähriger Führungsspieler in der Nationalmannschaft und beim FC Bayern: Bastian Schweinsteiger Foto Pixathlon

 

Das alte Führungsmodell: Kapitän, Hierarchie, Ansage
Über Jahrzehnte folgte Führung im Fußball einem klaren Muster. Es gab eine hierarchische Ordnung, an deren Spitze der Kapitän stand. Erfahrung, Status und Autorität bestimmten, wer führte. Der Kapitän sprach mit dem Schiedsrichter, regelte interne Konflikte und war der emotionale Fixpunkt der Mannschaft. Führung war damit eindeutig zugeordnet und nach außen klar sichtbar. Wer Verantwortung trug, wusste es – und alle anderen auch. Dieses Modell funktionierte in einer Zeit, in der Spielstrukturen stabiler und Rollen klarer definiert waren. Spieler bewegten sich in festen Zonen, Entscheidungen waren vorhersehbarer, das Spieltempo geringer. Führung bedeutete vor allem Organisation und emotionale Stabilisierung. Lautstärke und Präsenz galten als Schlüsselqualitäten. Der Kapitän war Sprachrohr und Symbol zugleich. Im modernen Fußball stößt dieses Verständnis zunehmend an seine Grenzen. Spiele sind schneller, komplexer und fragmentierter geworden. Entscheidungen müssen in Sekunden getroffen werden, oft fernab der zentralen Spielfeldbereiche. Ein einzelner Spieler kann diese Vielzahl an Situationen kaum steuern. Führung über Hierarchie verliert an Wirksamkeit, wenn die relevanten Momente dezentral entstehen. Hinzu kommt, dass Autorität heute weniger selbstverständlich ist. Teams sind heterogener, internationaler und jünger. Erfahrung allein reicht nicht mehr aus, um Führungsansprüche zu legitimieren. Spieler akzeptieren Führung vor allem dann, wenn sie funktional und situativ sinnvoll ist. Wer die richtigen Entscheidungen trifft, führt – unabhängig von Status oder Binde. Das alte Führungsmodell ist damit nicht obsolet, aber unvollständig. Der Kapitän bleibt wichtig, verliert jedoch seine Exklusivität. Führung verteilt sich, wird dynamischer und weniger sichtbar. Genau an diesem Punkt beginnt das moderne Verständnis von Leadership: nicht als feste Rolle, sondern als variable Aufgabe innerhalb eines komplexen Spiels.

Führung als situative Rolle
Im modernen Fußball ist Führung nicht mehr dauerhaft an eine Person gebunden, sondern an Situationen. Sie entsteht dort, wo Entscheidungen getroffen werden müssen, nicht dort, wo formale Autorität verortet ist. Ein Spieler kann über weite Strecken unauffällig agieren und dennoch in entscheidenden Momenten die Richtung vorgeben. Führung wird damit flüchtig, aber wirkungsvoll. Je nach Spielphase verändern sich die Anforderungen. In einer Druckphase braucht es Spieler, die das Pressing auslösen, die Höhe bestimmen und den Moment für kollektive Aggressivität erkennen. In ruhigen Phasen sind andere Qualitäten gefragt: Ordnung herstellen, Tempo drosseln, Sicherheit vermitteln. Diese Rollen wechseln. Der Spieler, der im Gegenpressing führt, ist nicht zwangsläufig derjenige, der den Aufbau lenkt oder in kritischen Momenten emotional stabilisiert. Besonders sichtbar wird dieses Prinzip bei Umschaltmomenten. Sekunden nach Ballverlust entscheidet sich, ob eine Mannschaft in Chaos verfällt oder handlungsfähig bleibt. Führung zeigt sich hier nicht in Anweisungen, sondern im Verhalten: Wer geht sofort in den ersten Zweikampf? Wer sichert ab? Wer erkennt, dass Rückzug sinnvoller ist als Eskalation? Diese Entscheidungen werden intuitiv getroffen – und von jenen Spielern, die das Spiel lesen können. Führung als situative Rolle erfordert Vertrauen im Kollektiv. Spieler müssen wissen, dass Verantwortung geteilt ist und Führung nicht an Status gekoppelt wird. Trainer fördern dieses Verständnis, indem sie Entscheidungsräume öffnen und Autonomie zulassen. Der Effekt ist eine höhere Reaktionsfähigkeit des Teams. Führung entsteht dort, wo sie gebraucht wird, nicht dort, wo sie formal verankert ist. Dieses Modell macht Leadership weniger greifbar, aber robuster. Teams mit situativer Führung sind weniger abhängig von einzelnen Persönlichkeiten. Sie reagieren flexibler auf Spielverläufe und können Ausfälle oder Formschwankungen besser kompensieren. Führung wird damit nicht schwächer – sie wird vielfältiger.

Taktische Führung auf dem Platz
Im modernen Fußball äußert sich Führung immer häufiger taktisch statt verbal. Spieler führen nicht mehr primär durch Anweisungen, sondern durch ihre Positionierung, ihre Entscheidungen und ihr Verhalten im Raum. Wer Abstände korrigiert, Höhen steuert oder Passwege bewusst öffnet oder schließt, beeinflusst das Spiel oft stärker als der lauteste Rufer. Führung wird damit leise, aber strukturbildend. Besonders zentral ist diese Form der Führung im Zentrum des Spiels. Sechser und Innenverteidiger übernehmen häufig die Rolle taktischer Dirigenten. Sie entscheiden, wie hoch die letzte Linie steht, wann abgesichert wird und wann Mut zum Vorschieben gefragt ist. Diese Entscheidungen werden selten angekündigt. Sie entstehen aus dem Lesen der Situation und werden vom Kollektiv aufgegriffen. Führung zeigt sich hier in Klarheit und Konsequenz, nicht in Gestik. Auch im Pressing ist taktische Führung entscheidend. Der erste Anlauf bestimmt den gesamten Defensivmechanismus. Ein Stürmer, der den Pressingwinkel richtig wählt, lenkt nicht nur den Ball, sondern das Verhalten der gesamten Mannschaft. Führung liegt in der Fähigkeit, Trigger zu erkennen und im richtigen Moment auszulösen. Wer hier falsch entscheidet, bringt nicht nur sich selbst, sondern die gesamte Struktur in Gefahr. Auffällig ist, dass viele dieser Führungsmomente kaum sichtbar sind. Sie tauchen in Statistiken selten auf, werden im Spielverlauf oft übersehen, sind aber essenziell für Stabilität. Spieler, die taktisch führen, sorgen dafür, dass andere besser aussehen. Sie schaffen Ordnung, bevor Chaos entsteht, und ermöglichen Kreativität, indem sie Absicherung garantieren. Diese Form der Führung verlangt ein hohes Maß an Spielintelligenz. Sie ist nicht erlernbar durch Autorität, sondern durch Erfahrung, Antizipation und Verständnis für kollektive Abläufe. Der moderne Fußball belohnt genau diese Qualitäten – und verschiebt damit das Bild von Leadership weg vom Symbolischen hin zum Funktionalen.

Coaching, Vertrauen und verteilte Verantwortung
Die Verschiebung von Führung hin zu situativen und taktischen Rollen ist untrennbar mit verändertem Coaching verbunden. Trainer moderner Teams delegieren Verantwortung bewusst auf den Platz. Sie akzeptieren, dass nicht jede Situation von außen gesteuert werden kann – und auch nicht sollte. Führung wird nicht mehr verordnet, sondern ermöglicht. Das Vertrauen in die Entscheidungsfähigkeit der Spieler ist dabei zentrale Voraussetzung. Dieses Vertrauen äußert sich vor allem in offenen Handlungsräumen. Trainer geben Prinzipien vor, keine starren Abläufe. Sie definieren, wie ein Team reagieren soll, wenn bestimmte Situationen entstehen, nicht jedoch jede einzelne Aktion. Führungsspieler entstehen in diesem Kontext organisch. Wer Situationen erkennt und richtig handelt, übernimmt Verantwortung – unabhängig von Status oder formaler Rolle. Coaching wird damit weniger kontrollierend und stärker moderierend. Gleichzeitig steigt die Bedeutung der Kommunikation innerhalb des Teams. Verteilte Verantwortung funktioniert nur, wenn Informationen schnell und klar weitergegeben werden. Führung äußert sich hier nicht in Dominanz, sondern in Orientierung. Spieler helfen einander, Entscheidungen abzusichern, Abläufe zu stabilisieren und Unsicherheit zu reduzieren. Trainer fördern diese Prozesse, indem sie Führung nicht monopolisieren, sondern bewusst auf mehrere Schultern verteilen. Ein weiterer Effekt dieses Ansatzes ist erhöhte Stabilität. Teams, die auf mehrere Führungspunkte setzen, sind weniger anfällig für Ausfälle oder Formschwankungen einzelner Spieler. Verantwortung kann übernommen, abgegeben und neu verteilt werden – je nach Spielsituation. Führung wird damit adaptiv. Diese Entwicklung verlangt auch vom Trainer ein Umdenken. Kontrolle entsteht nicht mehr durch permanente Eingriffe, sondern durch Vertrauen in Strukturen und Menschen. Der Trainer führt indirekt, indem er Rahmenbedingungen schafft, in denen Führung auf dem Platz möglich wird. In diesem Zusammenspiel von Coaching und Autonomie liegt eine der wichtigsten Entwicklungen des modernen Fußballs.

Fallbeispiele moderner Teams
Ein Blick auf aktuelle Topteams zeigt, wie stark sich Führung vom klassischen Kapitänsmodell gelöst hat. Bei Manchester City etwa ist Leadership klar funktional verteilt. Der Kapitän mag formell benannt sein, doch die eigentliche Führung entsteht aus der Struktur heraus. Spieler im Zentrum steuern Tempo und Positionierung, Außenverteidiger bestimmen die Höhe, Stürmer lenken das Pressing. Führung zeigt sich in Entscheidungen, nicht in Gesten. Das Team funktioniert auch dann stabil, wenn einzelne Führungsspieler fehlen, weil Verantwortung nicht an Personen, sondern an Rollen gebunden ist. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Arsenal. Die Mannschaft verfügt über mehrere situative Leader, die je nach Spielphase in den Vordergrund treten. In Druckphasen übernehmen aggressive Pressingspieler Verantwortung, in ruhigeren Momenten lenken ballnahe Akteure Rhythmus und Ordnung. Auffällig ist, wie selbstverständlich diese Wechsel akzeptiert werden. Führung ist kein Machtanspruch, sondern eine temporäre Aufgabe. Bayer Leverkusen steht exemplarisch für ein besonders modernes Führungsverständnis. Die Mannschaft agiert ohne dominante Hierarchie, stattdessen mit klar verteilten Funktionen. Aufbau, Gegenpressing und Absicherung werden von unterschiedlichen Spielern organisiert, oft unauffällig, aber konsequent. Führung entsteht aus Klarheit im Verhalten, nicht aus Lautstärke. Das Team bleibt dadurch auch in hektischen Phasen handlungsfähig. Auch Nationalmannschaften zeigen zunehmend diese Entwicklung. Kurze Vorbereitungszeiten erzwingen verteilte Verantwortung. Führung muss sofort greifen, situativ und unabhängig von gewachsenen Hierarchien. Spieler, die Spielphasen lesen können, übernehmen automatisch Einfluss – selbst ohne formale Rolle. Diese Beispiele verdeutlichen: Moderne Führung ist weniger sichtbar, aber strukturell tief verankert. Teams, die Leadership funktional verteilen, gewinnen an Stabilität, Anpassungsfähigkeit und taktischer Reife.

Fazit und Ausblick: Die unsichtbare Elite
Führung im modernen Fußball hat ihr klares Zentrum verloren – und genau darin liegt ihre neue Stärke. Statt auf eine einzelne Autorität zu setzen, verteilen erfolgreiche Teams Verantwortung situativ, funktional und taktisch. Leadership entsteht nicht mehr aus Status, Erfahrung oder Lautstärke, sondern aus der Fähigkeit, Spielsituationen zu erkennen und angemessen zu handeln. Führung ist weniger sichtbar geworden, aber zugleich wirksamer. Diese Entwicklung spiegelt die gestiegene Komplexität des Spiels wider. Hohe Intensität, schnelle Phasenwechsel und taktische Dichte lassen sich nicht zentral steuern. Entscheidungen entstehen dezentral, oft innerhalb von Sekunden. Teams, die darauf mit klaren Hierarchien reagieren, verlieren an Reaktionsfähigkeit. Mannschaften hingegen, die Führung als kollektive Aufgabe begreifen, bleiben flexibel und stabil – auch unter Druck. Der klassische Kapitän verliert damit nicht zwangsläufig an Bedeutung, aber an Exklusivität. Die Binde ist Symbol, nicht Steuerzentrale. Die eigentliche Führung findet in Momenten statt: im ersten Schritt nach Ballverlust, im richtigen Abstand zwischen den Linien, im bewussten Verlangsamen eines Spiels. Diese Führungsmomente sind kaum messbar, aber spielentscheidend. Der Ausblick zeigt, dass sich dieser Trend weiter verstärken wird. Je schneller und variabler der Fußball wird, desto wichtiger werden Spieler, die Orientierung geben, ohne sie auszusprechen. Leadership wird noch stärker an Spielintelligenz, Antizipation und taktisches Verständnis gebunden sein. Die Elite der Zukunft wird nicht durch Präsenz auffallen, sondern durch Wirkung. Am Ende gilt: Die besten Teams werden nicht geführt – sie führen sich selbst. Nicht durch Gleichmacherei, sondern durch verteilte Verantwortung. Führung ist kein Titel mehr. Sie ist eine Fähigkeit, die sich im Spiel zeigt – leise, situativ und unverzichtbar.
 
 
 

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