Taktik

Warum Trainer längst in Spielphasen denken

Die besten Mannschaften wissen, wann sie Druck erzeugen, wann sie Tempo herausnehmen und wann sie Chaos zulassen müssen. Bei Pep Guardiola ist Kontrolle nie ein Dauerzustand, sondern ein Wechselspiel. Eine Analyse von Marius Thomas

 

Pep GuardiolaHat die Sichtweise auf den Fußball verändert: Pep Guardiola Foto Pixathlon

 

Über Jahrzehnte hinweg wurde Fußball als ein Spiel über 90 Minuten gedacht. Halbzeiten, Spielstände und Ballbesitzphasen galten als zentrale Bezugspunkte der Analyse. Wer führte, verwaltete. Wer zurücklag, erhöhte das Risiko. Dieses lineare Verständnis prägte nicht nur die Berichterstattung, sondern auch die Arbeit der Trainer. Doch der moderne Fußball hat sich von dieser Logik entfernt. Spiele verlaufen nicht mehr gleichmäßig, sie kippen, brechen, beschleunigen und beruhigen sich in immer kürzeren Abständen. Zeit ist längst nicht mehr die entscheidende Kategorie. Heute entscheiden nicht die Minuten, sondern die Phasen. Druckwellen wechseln sich mit Ruheperioden ab, Chaosphasen entstehen aus scheinbar stabilen Situationen, Kontrollmomente werden abrupt unterbrochen. Eine Mannschaft kann über zehn Minuten dominieren und im nächsten Moment völlig den Zugriff verlieren – ohne dass sich der Spielstand oder das System verändert hätte. Genau in diesen Übergängen liegt die eigentliche Dynamik des modernen Spiels. Trainer haben auf diese Entwicklung reagiert. Sie planen Spiele nicht mehr als durchgehenden Spannungsbogen, sondern als Abfolge unterschiedlicher Zustände. Pressinghöhe, Tempo, Risiko und personelle Zuordnung werden situativ angepasst. Nicht jede Phase soll gewonnen werden, manche müssen überstanden, andere gezielt provoziert werden. Kontrolle bedeutet nicht mehr Dauerbesitz, sondern die Fähigkeit, Phasen zu erkennen und zu steuern. Die 90 Minuten bleiben der formale Rahmen, doch sie erklären das Spiel nicht mehr. Wer den modernen Fußball verstehen will, muss ihn als rhythmisches System begreifen. Als Spiel, das nicht durchgehend kontrolliert werden kann, sondern in Wellen verläuft. Die besten Mannschaften sind nicht jene, die konstant dominieren, sondern jene, die wissen, wann sie Druck erzeugen, wann sie Tempo herausnehmen und wann sie Chaos zulassen müssen. Fußball ist kein Uhrwerk mehr – er ist ein Prozess in Bewegung.

 

Der Abschied vom linearen Spielverständnis
Das lineare Spielverständnis war lange tief im Fußball verankert. Kontrolle wurde über Ballbesitz definiert, Dominanz über Spielanteile, Stabilität über Ordnung. Wer das Spiel bestimmte, sollte dies möglichst konstant tun – über 45 oder idealerweise 90 Minuten hinweg. Dieses Denken hatte seine Berechtigung in einer Zeit, in der Intensität, Pressingdichte und taktische Variabilität deutlich geringer waren. Der moderne Fußball hat diese Voraussetzungen jedoch grundlegend verändert. Heute ist Konstanz zur Ausnahme geworden. Pressing ist präziser, Laufintensität höher, individuelle Entscheidungsqualität dichter verteilt. Mannschaften sind in der Lage, innerhalb kürzester Zeit Druck aufzubauen, Räume zu schließen oder gezielt zu öffnen. Das Spiel reagiert schneller auf Impulse – und verliert dadurch seine Linearität. Dominanz wird brüchig, Kontrolle temporär. Selbst Topteams können sich Phasen ohne Ball oder ohne Zugriff nicht mehr vollständig entziehen. Diese Entwicklung zwingt Trainer zum Umdenken. Wer weiterhin versucht, Spiele durchgehend zu kontrollieren, läuft Gefahr, Energie zu verbrennen und Räume für den Gegner zu öffnen. Stattdessen wird akzeptiert, dass Spiele kippen dürfen – solange sie nicht unkontrolliert kippen. Das Ziel ist nicht mehr Dauerüberlegenheit, sondern phasenweise Kontrolle. Ein Spiel darf oszillieren, solange der eigene Einfluss auf diese Bewegungen erhalten bleibt. Der Abschied vom linearen Denken zeigt sich auch in der Bewertung von Spielverläufen. Ein verlorener Abschnitt ist nicht automatisch ein taktisches Problem, sondern Teil eines größeren Rhythmus. Mannschaften lassen bewusst Druckphasen des Gegners zu, ziehen sich zurück, absorbieren Intensität – um anschließend selbst wieder die Initiative zu übernehmen. Fußball wird damit weniger als Gleichung verstanden, die gelöst werden muss, sondern als dynamischer Prozess, der gemanagt wird. Genau hier beginnt das moderne Denken in Spielphasen.

Was sind Spielphasen?
Spielphasen beschreiben Zustände eines Spiels, keine Zeitabschnitte. Sie sind nicht an Minuten, Spielstände oder feste Abläufe gebunden, sondern entstehen aus dem Zusammenspiel von Raum, Tempo, Risiko und Kontrolle. Eine Phase kann wenige Sekunden dauern oder sich über mehrere Minuten ziehen. Entscheidend ist nicht ihre Länge, sondern ihre Qualität. Moderne Trainer denken deshalb weniger in Halbzeiten als in Zustandswechseln. Typisch sind vier wiederkehrende Phasen: Druckphasen, in denen ein Team aktiv presst, hoch steht und den Gegner zu Fehlern zwingt; Kontrollphasen, in denen Tempo reduziert, Ballbesitz gesichert und Struktur stabilisiert wird; Chaosphasen, die durch Ballverluste, Umschaltmomente oder offene Räume entstehen; sowie Regenerationsphasen, in denen Intensität bewusst zurückgenommen wird, um Energie zu sammeln. Diese Phasen folgen keiner festen Reihenfolge. Sie überlagern sich, kippen ineinander und können jederzeit neu entstehen. Besonders entscheidend sind die Übergänge. Der Moment, in dem eine Kontrollphase in Chaos kippt oder eine Druckphase ins Leere läuft, ist oft spielentscheidend. Genau hier entstehen Torchancen, aber auch Gegentore. Trainer, die in Phasen denken, richten ihr Coaching deshalb weniger auf das Verhindern bestimmter Zustände, sondern auf deren Management. Chaos soll nicht vermieden, sondern begrenzt werden. Druck soll nicht permanent sein, sondern gezielt gesetzt werden. Wichtig ist dabei: Spielphasen hängen nicht automatisch vom Spielstand ab. Eine führende Mannschaft kann bewusst in eine Chaosphase gehen, um Räume zu öffnen. Eine zurückliegende Mannschaft kann eine Kontrollphase erzwingen, um Struktur zurückzugewinnen. Phasen sind taktische Entscheidungen, keine Reaktionen auf das Ergebnis. Dieses Denken verändert auch die Analyse. Spiele werden nicht mehr als durchgehender Verlauf bewertet, sondern als Abfolge von Zuständen. Wer versteht, wann welche Phase dominiert und warum, erkennt Muster, die im klassischen Minuten-Denken verborgen bleiben. Spielphasen sind damit das zentrale Raster, um modernen Fußball zu lesen – und zu steuern.
 
Wie Trainer Spielphasen gezielt steuern
Spielphasen entstehen nicht zufällig. Sie lassen sich beeinflussen, verschieben und bewusst herbeiführen. Moderne Trainer arbeiten mit einer Vielzahl an Stellschrauben, um den Zustand eines Spiels zu verändern, ohne das System grundlegend umzubauen. Eine der wichtigsten ist die Pressinghöhe. Ein höheres Anlaufen erhöht das Tempo, verdichtet Räume und provoziert Fehler – oft der Startpunkt einer Druck- oder Chaosphase. Ein tieferes Verteidigen hingegen verlangsamt das Spiel, reduziert Risiko und führt zurück in eine Kontrollphase. Auch die Ballzirkulation ist ein zentrales Werkzeug. Längere Passfolgen, horizontale Verlagerungen und bewusstes Verzögern beruhigen ein Spiel, entziehen dem Gegner Energie und strukturieren das eigene Positionsspiel. Umgekehrt kann ein schneller Vertikalpass oder ein bewusst eingegangener Risiko-Ball eine Phase abrupt kippen lassen. Tempo wird nicht dauerhaft hochgehalten, sondern dosiert eingesetzt – als Schalter, nicht als Dauerzustand. Ein weiterer Faktor ist die personelle Rollenverteilung. Trainer verändern nicht zwingend die Formation, sondern die Aufgaben einzelner Spieler. Ein Außenverteidiger schiebt höher, ein Sechser sichert tiefer, ein Stürmer lenkt das Pressing anders. Solche Anpassungen sind oft kaum sichtbar, haben aber großen Einfluss auf Raumaufteilung und Rhythmus. Phasenwechsel entstehen so aus Verhalten, nicht aus Taktiktafeln. Entscheidend ist dabei die Akzeptanz von Instabilität. Trainer, die in Phasen denken, vermeiden nicht jede Unordnung. Sie wissen, dass bestimmte Situationen nur dann entstehen, wenn Kontrolle temporär aufgegeben wird. Ziel ist es nicht, jede Phase zu dominieren, sondern die gefährlichen Momente zu begrenzen und die günstigen zu verlängern. Spielphasen zu steuern bedeutet daher nicht, das Spiel zu glätten, sondern seinen Rhythmus bewusst zu lenken. Genau darin liegt die moderne Form der Kontrolle.

Coaching in Phasen statt Halbzeiten
Das Denken in Spielphasen hat auch das Coaching grundlegend verändert. Während früher die Halbzeitpause als zentraler Korrekturpunkt galt, verteilt sich Coaching heute über das gesamte Spiel. Trainer warten nicht mehr darauf, dass ein Abschnitt endet, sondern greifen ein, sobald sich eine Phase ungünstig entwickelt oder ein Übergang droht, zu kippen. Coaching wird situativ, nicht zeitlich geplant. Dabei stehen selten große Systemwechsel im Fokus. Viel häufiger geht es um kleine, gezielte Eingriffe, die den Charakter einer Phase beeinflussen. Ein verändertes Anlaufverhalten, ein Hinweis zur Absicherung, ein bewusst verlangsamter Spielaufbau – solche Maßnahmen können aus einer drohenden Chaosphase wieder Kontrolle herstellen oder eine passive Phase aktivieren. Trainer arbeiten dabei eng mit Führungsspielern zusammen, die als Vermittler auf dem Platz fungieren und Anpassungen unmittelbar umsetzen. Die Bank wird so zum Steuerungszentrum für Rhythmus. Trainer beobachten weniger das Gesamtbild als vielmehr die Dynamik einzelner Spielabschnitte. Wann verliert das Team Zugriff? Wann entsteht Hektik? Wann fehlt Tiefe oder Präsenz? Diese Fragen bestimmen das Eingreifen. Die Halbzeit bleibt wichtig, verliert aber ihre Exklusivität. Sie dient der Fokussierung, nicht der grundlegenden Neuausrichtung. Gleichzeitig steigt die Verantwortung des Trainers, Übersteuerung zu vermeiden. Nicht jede schlechte Phase verlangt nach Intervention. Manche Zustände regulieren sich selbst, andere müssen ausgehalten werden, um Energie zu sparen oder den Gegner in Sicherheit zu wiegen. Coaching in Phasen bedeutet deshalb auch, bewusst nicht einzugreifen. Die Kunst liegt im Timing: zu erkennen, wann ein Eingriff nötig ist – und wann Vertrauen die bessere Option darstellt. Der Trainer wird damit weniger zum Taktikplaner als zum Manager von Übergängen. Seine Aufgabe ist es nicht, jede Phase zu gewinnen, sondern den Fluss des Spiels so zu lenken, dass kritische Momente kontrollierbar bleiben. Genau hier zeigt sich taktische Reife.

Fallbeispiele: Teams, die in Phasen denken
Ein Blick auf die erfolgreichsten Mannschaften der letzten Jahre zeigt, wie konsequent das Denken in Spielphasen bereits umgesetzt wird. Bei Pep Guardiola ist Kontrolle nie ein Dauerzustand, sondern ein Wechselspiel. Seine Teams dominieren nicht permanent mit maximalem Tempo, sondern pendeln bewusst zwischen ruhigem Ballbesitz und plötzlicher Beschleunigung. Phasen langer Zirkulation dienen dazu, den Gegner zu binden und zu ermüden, bevor mit wenigen vertikalen Aktionen gezielt Druck erzeugt wird. Guardiolas Mannschaften kontrollieren nicht das Spiel an sich, sondern die Übergänge zwischen Ruhe und Explosion. Jürgen Klopp verfolgt einen anderen, aber ebenso phasenorientierten Ansatz. Statt Dauerdruck setzt er auf Intensitätswellen. Phasen extrem hohen Pressings wechseln sich mit Momenten bewusster Zurückhaltung ab. Diese Rhythmisierung schützt nicht nur die eigene Energie, sondern erhöht auch die Wirksamkeit der Druckphasen. Wenn das Pressing einsetzt, kommt es nicht permanent, sondern überraschend – und genau darin liegt seine Effektivität. Klopp akzeptiert, dass sein Team zeitweise weniger Kontrolle hat, solange es die kritischen Umschaltmomente beherrscht. Xabi Alonso steht exemplarisch für eine besonders klare Phasensteuerung. Seine Mannschaften kombinieren Struktur mit gezielten Tempowechseln. Lange Kontrollphasen im Aufbau werden bewusst genutzt, um Ordnung zu schaffen und den Gegner zu fixieren. Sobald sich Räume öffnen, folgt eine präzise Beschleunigung. Auffällig ist dabei die Ruhe, mit der Alonso-Teams auch schwierige Phasen überstehen. Nicht jede Druckphase des Gegners wird beantwortet, manche werden bewusst absorbiert. Diese Beispiele zeigen: Phasendenken ist keine Stilfrage, sondern ein gemeinsames Prinzip moderner Spitzenmannschaften. Unterschiedliche Spielideen, gleiche Logik. Die besten Teams gewinnen nicht, weil sie dauerhaft überlegen sind, sondern weil sie wissen, wann sie das Spiel treiben – und wann sie es laufen lassen müssen.

Fazit und Ausblick: Fußball als rhythmisches System
Der moderne Fußball lässt sich nicht mehr anhand der 90 minütigen Spielzeit erklären. Er ist kein linearer Prozess, sondern ein Spiel aus Zuständen, Übergängen und Rhythmen. Mannschaften dominieren nicht mehr durchgehend, sie steuern Phasen. Kontrolle bedeutet heute nicht, ständig den Ball zu haben, sondern zu wissen, wann Tempo erhöht, wann Risiko zugelassen und wann bewusst verlangsamt werden muss. Wer diese Dynamik versteht, besitzt einen entscheidenden taktischen Vorteil. Das Denken in Spielphasen verändert sowohl die Spielanalyse als auch das Coaching. Halbzeiten verlieren ihre Exklusivität, kleine Interventionen gewinnen an Bedeutung. Trainer agieren als Manager von Übergängen, nicht als Verwalter eines festen Plans. Sie akzeptieren Instabilität als Teil des Spiels und arbeiten daran, kritische Momente kontrollierbar zu machen, statt sie vollständig zu vermeiden. In diesem Verständnis liegt eine neue Form von Kontrolle – flexibler, situativer und näher an der Realität des Spiels. Der Blick nach vorn zeigt, dass diese Entwicklung weiter an Bedeutung gewinnen wird. Steigende Intensität, immer dichtere Pressingstrukturen und bessere individuelle Entscheidungsqualität verkürzen die Zeitfenster für Kontrolle weiter. Spiele werden fragmentierter, Phasen kürzer, Übergänge schärfer. Trainer, die weiterhin in starren Zeitabschnitten denken, werden an ihre Grenzen stoßen. Die Zukunft gehört jenen Mannschaften, die Rhythmus beherrschen. Die nicht jede Phase gewinnen wollen, sondern wissen, welche Phase sie gerade spielen. Fußball wird damit weniger berechenbar, aber taktisch reifer. Die 90 Minuten bleiben die äußere Hülle – das eigentliche Spiel findet dazwischen statt. Wer dieses Spiel liest und lenkt, entscheidet über Sieg oder Niederlage.

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