Fundstück

50.000 Euro für eine Tonne Leder

2006 kam der teuerste Ball der Welt unter den Hammer: Das Endspiel-Leder, mit dem Uruguay 1930 zum ersten Weltmeister wurde. Von Folke Havekost und Volker Stahl, Foto Mareike Foecking

 

„Wog eine Tonne“: Weil sich die Finalisten Uruguay und Argentinien bei der WM 1930 nicht auf einen Ball einigen konnten, kamen zwei zum Einsatz. Foto: Mareike Foecking

 

Wer einen Ball hat, ist klar im Vorteil. Das ist auf dem Schulhof so, wenn in der Pause gebolzt werden soll, das ist auf der großen Bühne Fußball-WM nicht anders. Aber dass er deshalb nicht gleich rund sein muss, zeigt ein Blick zurück in die Anfangszeit der Weltmeisterschaften. 30. Juli 1930, Montevideo. Im Endspiel der ersten Titelkämpfe stehen sich Gastgeber Uruguay und das benachbarte Argentinien gegenüber. Das Turnier steckt noch in der Kinderschuhen, aber Bälle gibt es genug – mehr als genug. Beide Finalisten haben eine eigene Lederkugel mitgebracht und bestehen nun darauf, mit ihrem Objekt zu spielen.
 
Aus braunen Rechtecken zusammengesetzt tragen beide eine Netzhülle zum Zuschnüren, damit möglichst wenig Luft aus dem getretenen Spielgerät entweicht. Von Wasser abweisendem Material ist noch nicht die Rede, im Laufe des Spiels verformt sich die Kugel und nimmt an Gewicht zu. „Der Ball wog eine Tonne“, ächzte Argentiniens Halbstürmer Francisco Varallo noch Jahrzehnte später.
 
Der belgische Schiedsrichter John Langenus, der zuvor strikte Eingangskontroillen nach mitgeführten Pistolen verlangt hat, entscheidet salomonisch und wirft eine Münze: In der ersten Halbzeit soll mit argentinischem Ball gekickt werden, nach der Pause das uruguayische Leder zum Einsatz kommen. Nach 45 Minuten führt Argentinien 2:1, doch mit „eigenem“ Ball am Fuß dreht Uruguay nach dem Seitenwechsel auf und gewinnt noch 4:2. Das Spielgerät ist tatsächlich zum Weltmeisterball geworden – und mittlerweile auch zum teuersten Ball der Geschichte.
 
Am 17. Juni 2006 kam das legendäre Leder unter den Hammer. Auf einer Fußball-Memorabilia-Auktion im Deutschen Sport- und Olympia-Museum in Köln wurde der Schätzpreis zwischen 35.000 und 40.000 Euro angegeben. Das Auktionshaus aus Kassel erwarb den Endspielball von den Erben des WM-Organisators Raúl Jude, der 1930 gleichzeitig auch als Bildungsminister Uruguays amtierte. Bereits vor einigen Jahren wurde die Kugel für 51.000 Euro an einen deutschstämmigen Geschäftsmann aus Los Angeles versteigert, der sich auf große Sportausstellungen spezialisiert hat. Der auf Anonymität bedachten Amerikaner, der mit seinem Gebot das französische Fußballmuseum ausstach, wollte seine Kosten durch Leihgaben an Fußball-Ausstellungen refinanzieren, was nur bedingt ein Treffer ins Schwarze war.
 
Bis zum 1. Juni 2006 lag der Ball in einem Einkaufszentrum in Hongkong, das um das Leder herum zahlreiche Sehenswürdigkeiten arrangiert und Veranstaltungen ausgerichtet hatte. Die Gesamtkosten der Hongkonger Fußballschau beliefen sich auf stattliche 150.000 Euro – ein Grund dafür, dass bisher nur wenige Unternehmen, geschweige denn staatliche Museen bereit waren, den 1930er Ball aufzunehmen. Am WM-Gastgeberland rollt die Pille vollständig vorbei. Von Flensburg bis Berchtesgarden biss kein Einkaufszentrum an. Der Amerikaner hat den Markt in Deutschland falsch eingeschätzt. Eigentlich, so sollte man meinen, gehört der Ball ohnehin in den Eingangsbereich der Fifa-Zentrale, aber das Stück interessiert dort leider niemand.

 

Der Text ist in RUND – #12_07_2006 erschienen.

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