Kreide
Der Stein des Anstoßes
Ohne Linien hätte ein Fußballplatz kein Anfang und kein Ende. Doch wo kommt das Weiß her, das Millionen von Kickern das Aus markiert? In einem Dorf in Schleswig-Holstein wird der Stoff abgebaut, der den Spielern nicht nur in der Bundesliga ihre Grenzen aufzeigt. Von Steffen Dobbert, Fotos Kai Müllenhoff und Stephan Pflug

Foto Stephan Pflug
Hinter einer Landstraße in Schleswig-Holstein ist der Mond vom Himmel gefallen. Er hat einen Krater hinterlassen – tief wie der Bodensee, groß wie hundert Fußballfelder. Seine Wände flimmern so weiß, dass man nicht hinsehen kann. Aus den Felsen strömt Grundwasser in die Tiefe. Es sammelt sich in einem See, fünf Meter neben einem riesigen roten Ungetüm.
Ein Motor rattert, Hitze, es staubt. Das Schaufelrad, groß wie eine Flugzeugturbine, dreht sich wie ein Windrad. Stählerne Zähne fressen sich in den weichen Stein. Ein bisschen nach links, ein bisschen nach rechts, ein bisschen nach links. In der Fahrerkabine dirigiert Klaus Kamrath die rotierenden Schaufeln. Seine Haare leuchten so hell wie der Kalkstein, den er abbaut. Gekrümmt ist sein Rücken von der Arbeit, nass von der Sonne. Früh ist der 61-Jährige heute mit seinem Mofa zur Grube gefahren, hat seinen weißen Sturz- gegen den gelben Schutzhelm getauscht und ist um Viertel vor sechs in den Bagger geklettert. Acht Stunden dauert seine Schicht. Montags bis freitags, wenn die Nachfrage stimmt auch samstags. Früh, abends und auch nachts. Wenn er alleine unter dem Sternenhimmel baggert, ist er der Mann im Mond.
Dass er mit seiner Arbeit dafür sorgt, dass auf den Fußballplätzen fast aller Bundesligisten und auch in Holland, Belgien, Dänemark oder Schweden eine weiße Linie das Aus markiert, weiß kaum jemand. Wenn Miroslav Klose, Rafael van der Vaart oder Phillip Cocu aufs Tor schießen und der Ball über die Linie rollt, jubeln Tausende. Aber nur Wenige wissen, dass der Ursprung der Sportplatzkreide hier in Lägerdorf, unter den Schaufelrädern von Kamraths Bagger, liegt.
Hier lagert das Material, das Fußballmillionären und Dorfkickern gleichermaßen die Grenzen aufzeigt: CaCO3, Calciumcarbonat, Kreide. Dass das in Lägerdorf produzierte Sportplatzweiß auf jedem dritten deutschen Fußballfeld landet, war auch Klaus Kamrath „gar nicht klar“. Er hat jetzt auch keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen: „Muss weiterbaggern.“
Irgendwo im Nirgendwo Norddeutschlands liegt Lägerdorf. Rund 50 Kilometer nordöstlich von Hamburg, ein Nest wie tausend andere. Man fährt auf einer Dorfstraße, die auch so heißt. An der Tankstelle gibt es Kartoffeln, die der Bauer um die Ecke gesammelt hat. Und in der Schillerstraße kann man das Heimatmuseum besuchen – wenn man vorher einen Termin vereinbart hat. Leute, die hier arbeiten, aber woanders wohnen, sagen Sätze wie: „Hier möchte ich nicht mal tot überm Zaun hängen.“ Weniger als 3000 Menschen leben heute in Lägerdorf. Vor 30 Jahren, vor der Automatisierung im Kreidewerk, waren es noch 4100. Damals sorgte das Werk für sein Dorf. Es gab mehr Arbeitsplätze, die Gewerbesteuern füllten die Gemeindekasse. Stolz schauten die Lägerdorfer auf ihren „Kreidehauer“. Die Statue in der Ortsmitte ist Stein gewordenes Symbol für die industrielle Entwicklung – und für bessere Zeiten.
Seit vor sieben Jahren die Bundesregierung die Steuergesetze änderte und die Lägerdorfer Kreide- und Zementwerke die Gewinne mit anderen Werken des Unternehmens verrechneten, fehlt es dem Ort an Einnahmen. Und Uwe Gätje, dem inzwischen ehrenamtlichen Bürgermeister, an Zuversicht. „Wir sorgen uns ums Überleben“, sagt der grauhaarige Mann und kratzt sich am Hinterkopf. Man habe der Kreide viel zu verdanken. Etwa einen eigenen Autobahnzubringer. Wenn man ihn aber nach der Zukunft des Ortes und der Kreidegrube fragt, presst er die Lippen zusammen. „Ich war vor 30 Jahren das letzte Mal da unten. Wenn sie da was wissen wollen, müssen sie die fragen.“ Uwe Gätje überlegt, schaut aus dem Fenster: „Touristisch soll hier mehr geschehen. Das Heimatmuseum soll zu einem Urzeitmuseum werden.“ Mehr sagt er nicht, er weiß, dass das nicht reichen wird, um Lägerdorf attraktiver zu machen. Als hier noch die Dinosaurier stapften, muss es ein blühender Ort gewesen sein. Wenigstens ein guter, um zu sterben. Aus den Skeletten und Panzern der damaligen Wurzelfüßler, Algen und Einzeller entstand die Kreide, die Klaus Kamrath heute aus der Erde schaufelt.
Hinter seinem Bagger spiegelt sich die Sonne in dem kleinen Kratersee. Kamrath hat Verstärkung bekommen. Sein Kollege, der zur Zwischenschicht erschienen ist, zeigt seinen blanken Bauch. Auf der feuchten Haut kleben Staubkörner. Immer wenn der Kollege lustige Dinge erzählt, ziehen sich Kamraths Augenbrauen zusammen, die blauen Augen verschwinden darunter und sein Mund krümmt sich zu einem ächzenden Lachen. Doch es wird weiter gearbeitet. Von den Schaufeln fliegen die Fossilien aufs Förderband. Die lange Tragfläche schnurrt den Kalkstein nach oben ins Kreidewerk. Aus dem, was Klaus Kamrath ausbaggert, werden Düngemittel, Tierfutter, Papier und Zahnpasta produziert. Später steckt es auch in Reifen, Kabeln, Teppichen und Straßen. Es ist der Anfang für alle Endprodukte.
Frühstückspause. Unten in der Grube beißen die Baggerfahrer in die Brote. Oben im Werk erklärt ein Mitarbeiter wie ein Kreidekuchen entsteht: „In den großen Drehtrommeln trennen wir die Kreide von den Steinen. Danach wird sie getrocknet. Von dort oben kommen gleich die so genannten Kreidekuchen runter.“ Fünf Landwirte schauen in die Höhe, interessierten Bauern bietet das Werk eine Führung an. In ihren Gummistiefeln und unter ihren Schutzhelmen drückt die Hitze wie in einer Sauna. Es riecht nach arbeitenden Maschinen. Weißer Staub schwebt umher. Auf alles hat sich eine feine Schicht gelegt. Schräg über den Köpfen öffnet sich eine Klappe, und quadratmetergroße Platten mit einem Loch in der Mitte stürzen in das Becken vor ihnen. Dort zerbersten die Kuchen in Stücke. Ein großer Teil der Kreide wird zu Düngekalk für die Landwirtschaft verarbeitet. Damit der Boden nicht sauer wird.
Einige Kilometer entfernt sitzt Uwe Nordhoff an seinem Schreibtisch. Im seinem Büro hängen Bilder von Ikea. Gelbe Ordner mit der Aufschrift: „Der Werbeberater“ stehen im Regal. Auf dem Schreibtisch stapeln sich aufgeräumt Papiere. Der Mann, der die Sportplatzkreide vertreibt, spricht in sein Mobiltelefon: „Wir sind die Einzigen, die dieses Produkt so herstellen können. In Deutschland bin ich Marktführer.“ Die vergangenen zwei Wochen war Uwe Nordhoff im Urlaub auf Rügen. „Original Heilkreide“ und ein Pulver für Flüssigkreide lässt er im Werk auf der Ostseeinsel produzieren.
Aber jetzt erzählt der Mann mit den dunklen Locken und dem Zehntagebart die Geschichte der Lägerdorfer Sportplatzkreide. Es war 1984, und auf Deutschlands Fußballplätzen bestanden die Linien aus Weißlöschkalk vom Baustoffhändler. „Das ist das gleiche Zeug, das im Mörtel steckt. Wenn man das auf verschwitzte Haut oder in die Augen bekommt, wird es gefährlich“, sagt Nordhoff. Den Zeitungsartikel über einen kleinen Jungen, der durch den ätzenden Kalk erblindete, hat er immer dabei. Prominente Opfer in der Bundesliga waren in den 80er Jahren Olaf Thon vom FC Schalke 04 oder Bernd Förster. Der Stuttgarter bekam den Weißkalk in eine Schürfwunde und musste ein Vierteljahr pausieren. Als Uwe Nordhoff damals mit seiner hautverträglichen und streufähigeren Naturkreide auf den Markt drängte, war der Zeitpunkt günstig. Der DFB empfahl, auf allen Plätzen „nur vollständig abgebundenen Kalk“ zu benutzen. Kreide eben.
Wieder klingelt es. „Nordhoff! – Hallo, Hans, ich grüße dich“, der 53-Jährige lächelt ins Telefon. „Ja, na klar, hier oben hört die Sonne nicht auf zu scheinen.“ Es ist Hans Lienau, der Platzwart des FC Bayern München. Die beiden Männer sprechen allerdings nicht über Kreide. In der Allianz Arena wird der Platz bemalt. Die meisten Bundesligavereine verwenden nur noch auf den Trainingsplätzen die umweltfreundlichere Kreide, bei Punktspielen aber Rasenfarbe. Damit werden die Grashalme von beiden Seiten besprüht. Im Fernsehen sieht man so selbst nach einem Regenschauer noch ein leuchtendes Weiß. Nordhoff macht inzwischen etwa die Hälfte seines Absatzes mit Farbe. Im Angebot hat der Geschäftsmann fertige „Rasen-Markierungsfarbe“ im Zehnliterkanister. Oder Kreidepulver zum Selbstanrühren. Beides lässt er nicht in Lägerdorf produzieren. Die Rügener Kreide sei feiner. Wo es mit dem Kalkstein aus Schleswig-Holstein hingeht, wagt er nicht zu prognostizieren. „Der Trend geht aber wohl ins Flüssige“, sagt der gelernte Baustoffhändler. Er legt das Handy zur Seite und deutet auf die Fotos an der Wand. Dort sieht man den Kreidebruch und einen roten Schaufelradbagger, der sich in die Kreide beißt.
Klaus Kamrath hat seine Schicht für heute beendet. Mittlerweile steht er an der Seitenauslinie des Lägerdorfer Sportplatzes. Vor einigen Jahren spielte der TSV sogar mal kurz in der Oberliga. Nun ist man Bezirksligist. Der zweite Vorsitzende des Vereins fährt immer noch dreimal im Jahr mit seinem Hänger zur Grube. „Bin wieder pleite“, ruft er dann einem der Kreidearbeiter zu, der ihn gewähren lässt. Mit meist 20 Säcken fährt er wieder zurück zum Platz. Kostet ja nichts.
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