Taktik Nationalelf
WM 2026: Zwischen Stolz und Schmerz
1.1 gegen Ägypten: Eine Kolumne aus der Perspektive von Samira Samii über ein ganz besonderes Remis des Iran

Es gibt Fußballspiele, die nach 90 Minuten enden. Und es gibt Spiele, die noch lange in den Herzen eines Volkes nachhallen. Das 1:1 zwischen Iran und Ägypten bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2026 gehört zweifellos zur zweiten Kategorie.
Als gebürtige Iranerin kenne ich dieses Gefühl nur zu gut. Fußball ist für uns weit mehr als ein Spiel. Er ist Hoffnung, Identität und für viele Menschen ein kurzer Moment, in dem Sorgen und Alltag verblassen. Genau deshalb schmerzt dieses Unentschieden so sehr.
Wer die Partie nüchtern analysiert, wird feststellen: Iran war über weite Strecken die aktivere Mannschaft. Nach dem frühen Rückstand zeigte das Team Charakter, Moral und spielerische Qualität. Der verschossene Elfmeter hätte viele Mannschaften gebrochen. Diese iranische Auswahl aber kämpfte weiter, glaubte an sich und belohnte sich mit dem Ausgleich. Selbst danach gab sie sich nicht zufrieden.
Dann kam diese Szene in der Nachspielzeit.
Jubel. Emotionen. Ekstase.
Für wenige Sekunden glaubte ein ganzes Land an den historischen Sieg. Doch der VAR entschied auf Abseits. Aus grenzenloser Freude wurde tiefe Stille. Es sind genau diese Momente, die den Fußball gleichzeitig wunderschön und grausam machen. Die Entscheidung entsprach den Regeln, doch für Millionen iranischer Fans fühlte sie sich wie ein verlorenes Finale an.
Dennoch wäre es falsch, dieses Spiel ausschließlich über den aberkannten Treffer zu definieren.
Diese iranische Mannschaft hat bewiesen, dass sie auf der Weltbühne absolut konkurrenzfähig ist. Sie spielte mutig, diszipliniert und mit einer Leidenschaft, die selbst neutrale Zuschauer beeindruckte. Drei Gruppenspiele ohne Niederlage sprechen für Stabilität – auch wenn das Schicksal letztlich nicht allein in den eigenen Händen lag.
Besonders imponierte mir die Mentalität der Mannschaft. Niemand versteckte sich. Niemand gab auf. Jeder Zweikampf wurde geführt, jeder Meter erlaufen. Genau das zeichnet große Nationalteams aus: Nicht Perfektion, sondern Charakter.
Ägypten wiederum zeigte, warum erfahrene Turniermannschaften so gefährlich sind. Sie verteidigten clever, überstanden schwierige Phasen und nutzten ihre Möglichkeiten effizient. Am Ende reichte ihnen das Remis für das Weiterkommen – ein Erfolg, den sie sich ebenfalls verdient haben.
Für Iran bleibt die Erkenntnis, dass zwischen Erfolg und Enttäuschung manchmal nur wenige Zentimeter liegen. Vielleicht war es heute eine Fußspitze im Abseits. Vielleicht fehlte in einer anderen Szene das letzte Quäntchen Glück.
Aber genau deshalb lieben wir diesen Sport.
Als gebürtige Iranerin bin ich stolz auf diese Mannschaft. Nicht weil sie jedes Spiel gewonnen hat, sondern weil sie nie aufgehört hat, an sich zu glauben. Siege schaffen Schlagzeilen. Charakter schafft Erinnerung.
Diese Generation des iranischen Fußballs hat gezeigt, dass sie auf höchstem Niveau mithalten kann. Wenn sie diese Leidenschaft, diesen Zusammenhalt und diese Mentalität bewahrt, wird sie auch künftig ein Gegner sein, den niemand unterschätzt.
Manche Unentschieden fühlen sich wie Niederlagen an.
Dieses 1:1 fühlt sich für mich anders an.
Es fühlt sich an wie der Beginn einer Geschichte, die noch nicht zu Ende erzählt ist.
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