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Profi für 28 Minuten
Al-Saadi Ghaddafi hat sich in den Niger abgesetzt. Der Sohn des lybischen Diktators wollte unbedingt mal Fußballprofi werden. RUND war 2007 in Genua, wo sich Gaddafi junior trotz seines überschaubaren Talents mittrainierte. Von Vincenzo Delle Donne, Fotos Edward Beierle
Unterschenkelzerrung: Geknickt steigt Al-Saadi Gaddafi junior in seinen Lamborghini
Bogliasco, gegen 14 Uhr. Die Sonne lacht. Vor der Trainingsanlage von Sampdoria Genua herrscht Stille. Von der in den Berg gehauenen Anlage kann man am Horizont das Ligurische Meer erblicken. Eine leichte, salzige Brise weht vom schimmernden Meer herüber. Nach und nach trudeln die Spieler in ihren Luxuskarossen ein. Ein versprengter Haufen Tifosi wartet auf eine Gelegenheit, Fotos zu schießen. Plötzlich braust ein gelber Lamborghini Gallardo Coupé vor, dicht gefolgt von einem schwarzen, gepanzerten Escalade-Geländewagen, auf dem das diplomatische Kennzeichen Libyens prangt. Ein Mann, athletisch gebaut, 183 Zentimeter groß und mit kurzem Bart, steigt aus dem Sportwagen. Er trägt eine schwarze Hose, schwarze Jacke und ein weißes Hemd. Es ist der Auftritt von Al-Saadi Ghaddafi. Er ist jung, reich und liebt den Fußball. Sechs bewaffnete Bodyguards steigen mit ihm aus, schauen sich misstrauisch nach allen Seiten um und nicken schließlich. Von seiner Security umringt geht Saadi auf den Sampdoria-Präsidenten Riccardo Garrone zu und begrüßt ihn lächelnd mit Handschlag. Garrone scherzt, Saadi lacht. Sportdirektor Giuseppe Marotta steht dabei und wirkt nervös. „Ich darf nichts über Ghaddafi sagen“, bekennt er später.
Aus Liebe zum Fußball tingelt Al-Saadi Ghaddafi seit 2002 über dem Apennin, auf der Suche nach einem Profi-Engagement. Kein einfaches Unternehmen. Viele Klubs der Serie A begehren zwar seine Petrodollars, aber weil er Libyer ist und zudem der Sohn des Revolutionsführers Muammar al-Ghaddafi, meiden sie ihn wie einen Aussätzigen. So war es anfangs auch bei Sampdoria, aber dann lenkte man ein. „Ich habe die große Freude Saadi Ghaddafi vorzustellen“, sagte Präsident Garrone, als Präsentiere er eine spektakuläre Spielerverpflichtung. Das war im November 2006.
"Er gehört nicht zur Mannschaft": Sampdoria-Training in Bogliasco
Er ist wortkarg, hat aber stets ein Lächeln auf den Lippen. Saadis Fußballtalent ist mit dem eines Amateurspielers vergleichbar. „Er liebt den italienischen Fußball über allen Maßen“, sagt Garrone anerkennend. Sampdoria ist Saadis dritte italienische Station als Spieler – wenn auch nur für wenige Wochen. Er wollte mit Genua ein Freundschaftsspiel gegen die libysche Nationalmannschaft bestreiten. Ein magerer Trost für seine hochgesteckten Fußballerambitionen, aber wenigstens ein bisschen Ablenkung von der ätzenden Langeweile des Alltags. „Er gehört nicht zur Mannschaft von Sampdoria Genua“, präzisiert Pressesprecher Umberto Gamba. Er dürfe aber mittrainieren, solange er will. Ab und zu läuft er auch bei Trainingsspielen auf.
Bei zwei weiteren Klubs hatte Saadi mehr Glück. Zwei Jahre war er beim AC Perugia. Der damalige Klub-Präsident Luciano Gaucci, der später an die 100 Millionen Euro aus der Klubkasse veruntreute und sich in die Karibik absetzte, sagte über die schillernde Neuverpflichtung: „Er ist ein vorzüglicher Mittelfeldspieler, der hinter den Spitzen agiert.“ Dennoch musste er lange Zeit auf den erhofften ersten Einsatz warten: Am 2. Mai 2004 wurde er 15 Minuten vor Schluss im Spiel gegen Juventus Turin, das Perugia mit 1:0 gewann, eingewechselt. „Obwohl nur einmal eingesetzt wurde, trainierte er immer mit der Mannschaft, und seine Anwesenheit war wichtig“, sagt der frühere Perugia-Kapitän Giovanni Tedesco über seinen illustren Mannschaftskollegen.
Ein Jahr später wechselte Perugias Trainer Serse Cosmi zu Udinese und verhalf Saadi dort zum zweiten Engagement. Die Journaille stellte sich verwundert die Frage, warum der Lieblingssohn des libyschen Revolutionsführers so versessen auf eine Profikarriere in Italien sei. Niemand konnte sich einen Reim darauf machen. Nebenher investierte er etliche Millionen der Petrodollars seines Vaters in italienische Klubs.
Es verblüffend, wie abgebrüht der gelernte Ingenieur die Werbetrommel für den libyschen Fußball rührt und in die Mikrofone parliert. Eine Art Charmeoffensive für die arabische Sache mit Hilfe des Fußballs. Er zieht dabei alle Register des abgebrühten PR-Profis. Zuerst fädelte er den Erwerb von 5,3 Prozent der Aktien des italienischen Rekordmeister Juventus Turin ein. Dann stockte er diesen Anteil auf über 20 Prozent auf. Der Agnelli-Klub als Eintrittskarte zu den feinen Adressen des italienischen Calcio und Al-Saadi Ghaddafi als arabischer Vorposten im italienischen Fußball. „Unsere Beteiligung am beliebtesten Klub eures Landes wird helfen, das gesamte Misstrauen zu beseitigen, das uns einige Menschen in Italien noch immer entgegenbringen“, betonte er.
Nobelort: In Porttofino wohnte Al-Saadi Gaddafi mit seiner Entourage
Im Stil eines ausgebufften Finanzjongleurs suchte er nach Akzeptanz. Ghaddafi juniors Idee ist eigentlich genial und macht sich eine auf dem Apennin bewährte Erfahrung zueigen. Danach hat der Fußball seine formidable Wirkung unter Beweis gestellt, politischen Konsens oder Akzeptanz zu schaffen. Wenn das für die Politik gilt, warum könne das nicht für die arabische Sache funktionieren, muss sich Ghaddafi gefragt haben.
Doch plötzlich war es um ihn ruhig geworden. Die Freiräume nutzte er, um Geschäfte in anderen Ländern zu machen. In Australien wollte die Klatschpresse erfahren haben, dass Saadi Nicole Kidman bei einem Rendezvous ein Smaragdcollier geschenkt habe, was diese jedoch umgehend dementieren ließ. Es sei vielmehr ein einfaches Arbeitsessen gewesen, bei dem es um eventuelle Investitionen in die australische Filmwirtschaft ging, ließ die Schauspielerin richtigstellen. Für Al-Saadi Ghaddafi wurde das Treffen gleichwohl als ein neuerlicher PR-Erfolg verbucht.
Fußball bleibt aber weiterhin seine Passion. In Udine brachte er es allerdings ebenfalls nur auf einen Kurzeinsatz über 13 Minuten. Offiziell bekam er ein Jahressalär von 300.000 Euro, das er natürlich einer gemeinnützigen Einrichtung spendete. Er mietete sich in der obersten Etage eines Viersternehotels ein und zeigte ansonsten keinen besonderen Trainingsfleiß. Für die freundliche Konzession verlangte Udinese-Eigner Giampaolo Pozzo selbstverständlich einen kleinen Obolus in Form von Investitionen. Beim Abschied zeigte sich Saadi großzügig: Jedem Udinese-Mitarbeiter schenkte er einen Smart.
Im November 2006 tauchte Al-Saadi Ghaddafi schließlich bei Sampdoria Genua wieder auf, wo er ein neues Fußballasyl fand. „Alles fing bei meinem Aufenthalt in Libyen an“, sagt dazu Präsident Garrone. Saadi selbst lächelt, lobt die freundschaftlichen und geschäftlichen Beziehungen zwischen den Familien Ghaddafi und Garrone und sagt: „Diese Freundschaft wird eine neue Entspannung in den politisch-wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Italien und Libyen bringen.“ Der Präsident macht gute Geschäfte mit dem Wüstenstaat. Er importiert libysches Erdöl, das er raffiniert und durch die eigenen ERG-Tankstellen verkauft. Daneben beliefert er auch die Tamoil-Tankstellen, die in libyschem und damit im Besitz der Familie Ghaddafi sind.
Italien ist Saadis Lieblingsland. Die übliche Italiensehnsucht der Nordafrikaner? Sie ist eigentlich für einen Ghaddafi untypisch. Vater Muammar empfindet regelrechten Hass auf das Land und lässt kaum eine Gelegenheit aus, ständig an die Tragödie der italienischen Besatzung Libyens unter dem Mussolini-Faschismus zu erinnern. Mit schöner Regelmäßigkeit droht er, sämtliche italienische Firmen des Landes zu verweisen oder deren Besitz zu konfiszieren, wenn Italien für den „Völkermord“ nicht endlich Entschädigungszahlungen leiste. Doch das hinderte ihn nicht daran, in italienische Firmen zu investieren. In Fiat beispielsweise, und das 1976, als er der große arabische Bösewicht auf dem Schachbrett der Weltpolitik war. Zehn Jahre später zahlte ihn der Agnelli-Patriarch Gianni jedoch wieder aus. Zu heikel war seine Beteiligung am größten Konzern des Landes.
Saadi stellt sich geschickter an als sein Vater. Durch den Fußball ist der Libyer in Italien salonfähig geworden. Seine italienische Ölfirma Tamoil sponserte Juventus Turin. Der Werbevertrag sah vor, dem Rekordmeister für zehn Jahre insgesamt 240 Millionen Euro zu zahlen. Nach dem Zwangsabstieg in die Serie B wurde dieser Vertrag allerdings aufgelöst. „Wir werden eine Beteiligung an Juventus behalten“, sagt Saadi lapidar. Aber über den gekündigten Sponsorvertrag will er kein Wort verlieren.
Liquiditätsprobleme hat auch Sampdoria Genua. Nach den Glanzzeiten des römischen Erdölhändlers Mantovani, unter dessen Ägide Sampdoria den ersten italienischen Titel gewann, schlidderte der Klub unaufhaltsam auf den Konkurs zu. Nach langem Zögern rettete Garrone den Klub. Böse Zungen behaupteten, der Präsident sei nur der Strohmann für eine nicht näher genannte arabische Käufergruppe.
Saadi gehört auch in Genua nicht zu den Trainingsfleißigsten. Trainer Walter Novellino nimmt ohnehin kaum Notiz von ihm. Ob er nicht ein Störfaktor für die Mannschaft sei? „Ich darf nichts über Saadi sagen“, erwidert der Trainer, „Order von oben!“ Er brauche aber richtige Spieler für seine Mannschaft, fügt er süffisant hinzu. Doch dafür Präsident Garrone fehlt das Geld. Das könnte nun Al-Saadi Ghaddafi liefern. „Es ist nicht ausgeschlossen, dass er sich in nächster Zeit am Klub beteiligt“, sagt der Präsident. Seinem jungen Wirtschaftspartner überließ er zunächst zeitweise seine Prachtvilla im nahen Nobelort Portofino. Hier wohnen Saadi und seine Leibgarde nun, wenn er sich in Genua aufhält.
An diesem Tag absolviert Al-Saadi Ghaddafi nur leichtes Lauftraining. Eine Unterschenkelzerrung macht ihm zu schaffen. Geknickt verlässt er in der Abenddämmerung die Anlage und steigt in seinen Lamborghini. Ein Sicherheitsmann chauffiert ihn. Niemand weiß, wohin der Tross steuert. Beim Freundschaftsspiel zwischen Libyen und Sampdoria musste Saadi zusehen. Die Verletzung war ernster als erwartet. Ein erneuter Rückschlag in seiner Karriere. Mit seinen Verletzungsproblemen sucht er nun den Münchner Sportmediziner Müller-Wohlfahrt auf. Wann und wo wird er ein neues Comeback versuchen?
Der Text ist in RUND #21_04_2007 erschienen.
Unterschriftensammlung: Häufig fehlt der Sohn des lybischen Revolutionsführers
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