EIN JAHR NACH DER WM
Hi Mom, I’m on TV!“
Es war einmal ein Land, in dem war alles und jeder absolut sicher. Sicher vor dem Bösen in dieser Welt. Dort gab es keinen Rassismus, dort herrschte stets Fairplay, dort wurde alles und jeder kontrolliert. Dieses Land heißt Fifaland und war vor einem Jahr in Deutschland zu Gast bei Freunden. Ein RUND-Redakteur erinnert sich.

Fans im Fifa-Land: Vor einem Jahr begann die WM Foto Sebastian Vollmert
Dass man in Zeiten einer Fußball-Weltmeisterschaft selbst in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher ist, weiß ich spätestens, seit vor vier Jahren beim Spiel um den dritten Platz mein Fernseher explodiert ist. Es lief gerade die türkische Nationalhymne, als es plötzlich knackte, der Bildschirm schwarz wurde und weißer Rauch aufstieg. „Und jetzt?“, fragte meine damalige Freundin nach einigen Schrecksekunden. „Ist die WM für uns vorbei!“ Längst habe ich einen neuen Fernseher. Die meisten Spiele der deutschen WM habe ich wieder im heimischen Wohnzimmer erlebt – das eine oder andere auch im Stadion. Und dort sorgte der Weltfußballverband Fifa für Ordnung und Sicherheit. Genau ein Jahr ist das her, also höchste Zeit, sich zu erinnern.
Es war einmal ein Land, in dem war alles und jeder absolut sicher. Sicher vor dem Bösen in dieser Welt. Dort gab es keinen Rassismus, dort herrschte stets Fairplay, dort wurde alles und jeder kontrolliert. Dieses Land heißt Fifaland, geht alle vier Jahre auf Weltreise und war vor einem Jahr auch in Deutschland zu Gast bei Freunden. Auch Deutschland ist ein Land, das glaubt, sicherer als andere zu sein. Beide Länder zusammen sind in etwa so unantastbar wie Fort Knox, das Pentagon und der G8-Gipfel gleichzeitig. Genauso wie man in den Wochen der WM in jedem Hubschrauber, den man irgendwo fliegen sah, den Kaiser persönlich vermutete, konnte man ebenso sicher sein, in den deutschen Fifa-WM-Stadien absolut sicher zu sein.
Die Fifa hatte einen riesigen Sicherheitsapparat aufgeblasen. Mancherorts mussten die Fußballfreunde ihre Eintrittskarten gar vier- bis fünfmal vorzeigen, bis sie auf ihren Sitzen Platz nehmen durften. Die Leibesvisitationen an den Stadieneingängen erinnerten an die Personenkontrollen an Flughäfen: Jeder Besucher bekam vor dem Betreten die deutsche Gründlichkeit hautnah zu spüren und muss sich wie das ostdeutsche Ampelmännchen gefühlt haben – die Pose dieser WM: still gestanden, mit weit ausgebreiteten Armen. „Den Adler machen“, würde man auf Polizeideutsch wohl sagen – den Bundesadler.
Taschenmesser und Handgranaten wurden bei den Freunden aus aller Welt allerdings seltener gefunden. Vielleicht erklärt aber gerade diese geringe Ausbeute an wirklich gefährlichen Gegenständen die ausufernde Fantasie mancher Sicherheitsleute, die in so manchem Pappkarton oder mancher Tröte das Böse erkannt zu haben glaubten. Was nicht mit ins Stadien genommen werden durfte, wurde gegen Quittung in weißen Containern verwahrt, die wiederum von zwei Sicherheitsleuten bewacht wurden. Die Regale in den Containern waren immer gut gefüllt: Deos, Rucksäcke, Wodkaflaschen, Fußbälle, ein aufblasbarer Baseballschläger. Ein Pappkarton, den sich ein Fan aus den USA über den Kopf gestülpt hatte. Vorne hatte er eine Öffnung hinein geschnitten, darüber die Aufschrift „Hi Mom, I’m on TV!“ Warum die Pappe „viel zu gefährlich“, so der Sicherheitsmann, für den Besuch eines Fußballspiels war, konnte niemand so richtig erklären, wurde dann aber – wie in den meisten Fällen – mit den Worten „Vorschrift der Fifa“ abgetan. Hatte die Fifa tatsächlich Pappkartons verboten?
Wahrlich, es gab unglaubliche Szenen zu sehen bei dieser WM. Aber die vielleicht absurdesten Momente waren, wie so oft, die kleinen, die am Rande. So mussten Frauen ihre Stöckelschuhe ausziehen und barfüßig in die Stadien laufen. „Vorschrift der Fifa“, lautete auch hier die knappe Antwort des Securitymenschen, mit den hohen Hacken könnten andere verletzt werden. Journalisten mussten ihre Laptops hochfahren, um zu beweisen, dass diese keine Attrappen und erst recht keine Bomben waren. Auch andere Ordner hatten zu viele James-Bond-Filme gesehen und ließen selbst den letzten Kugelschreiber aufschrauben. „Finden Sie das nicht ein wenig übertrieben?“, wurde gefragt, „was erwarten Sie denn darin zu finden?“ Der Mann mit dem orangenen Leibchen schaute so finster, als ob er persönlich beleidigt worden wäre.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen verschärfte Sicherheitskontrollen. Aus moderaten, besonnenen Menschen werden beim Fußball ja nicht selten unberechenbare, keifende Monster. Oder gar Kleinterroristen, die mit Golfbällen, Bierbechern oder Feuerzeugen schmeißen. Da ist ein bisschen fummeln am Eingang gewiss angemessen. Genauso wenig habe ich etwas gegen Goleo, für viele schon immer ein Problemlöwe, da er keine Hose trug. Dabei hätte ich allen Grund, so richtig sauer auf das zottelige WM-Maskottchen zu sein. Es passierte vor dem Anpfiff des Achtelfinals Brasilien gegen Ghana in den Katakomben des Dortmunder Stadions: Ich ahnte nichts Böses, fühlte mich rundum Fifa-sicher und schrieb gerade etwas in mein Notizbuch, da versetzte mir jemand von hinten einen mächtigen Stoß. Ich taumelte, stürzte aber nicht. Und ob Sie es mir glauben oder nicht: Goleo war es, der mich umgerannt hatte. Er merkte es noch nicht mal. Winkend tapste er einfach weiter. Was bislang noch keiner wusste, exklusiv bei RUND: Das größte Sicherheitsrisiko der WM war nicht der internationale Terrorismus oder die wilden Hooligan-Horden, sondern das Fifa-Maskottchen höchstselbst.
Oliver Lück
Hi Mom, I’m on TV!“
Es war einmal ein Land, in dem war alles und jeder absolut sicher. Sicher vor dem Bösen in dieser Welt. Dort gab es keinen Rassismus, dort herrschte stets Fairplay, dort wurde alles und jeder kontrolliert. Dieses Land heißt Fifaland und war vor einem Jahr in Deutschland zu Gast bei Freunden. Ein RUND-Redakteur erinnert sich.

Fans im Fifa-Land: Vor einem Jahr begann die WM Foto Sebastian Vollmert
Dass man in Zeiten einer Fußball-Weltmeisterschaft selbst in den eigenen vier Wänden nicht mehr sicher ist, weiß ich spätestens, seit vor vier Jahren beim Spiel um den dritten Platz mein Fernseher explodiert ist. Es lief gerade die türkische Nationalhymne, als es plötzlich knackte, der Bildschirm schwarz wurde und weißer Rauch aufstieg. „Und jetzt?“, fragte meine damalige Freundin nach einigen Schrecksekunden. „Ist die WM für uns vorbei!“ Längst habe ich einen neuen Fernseher. Die meisten Spiele der deutschen WM habe ich wieder im heimischen Wohnzimmer erlebt – das eine oder andere auch im Stadion. Und dort sorgte der Weltfußballverband Fifa für Ordnung und Sicherheit. Genau ein Jahr ist das her, also höchste Zeit, sich zu erinnern.
Es war einmal ein Land, in dem war alles und jeder absolut sicher. Sicher vor dem Bösen in dieser Welt. Dort gab es keinen Rassismus, dort herrschte stets Fairplay, dort wurde alles und jeder kontrolliert. Dieses Land heißt Fifaland, geht alle vier Jahre auf Weltreise und war vor einem Jahr auch in Deutschland zu Gast bei Freunden. Auch Deutschland ist ein Land, das glaubt, sicherer als andere zu sein. Beide Länder zusammen sind in etwa so unantastbar wie Fort Knox, das Pentagon und der G8-Gipfel gleichzeitig. Genauso wie man in den Wochen der WM in jedem Hubschrauber, den man irgendwo fliegen sah, den Kaiser persönlich vermutete, konnte man ebenso sicher sein, in den deutschen Fifa-WM-Stadien absolut sicher zu sein.
Die Fifa hatte einen riesigen Sicherheitsapparat aufgeblasen. Mancherorts mussten die Fußballfreunde ihre Eintrittskarten gar vier- bis fünfmal vorzeigen, bis sie auf ihren Sitzen Platz nehmen durften. Die Leibesvisitationen an den Stadieneingängen erinnerten an die Personenkontrollen an Flughäfen: Jeder Besucher bekam vor dem Betreten die deutsche Gründlichkeit hautnah zu spüren und muss sich wie das ostdeutsche Ampelmännchen gefühlt haben – die Pose dieser WM: still gestanden, mit weit ausgebreiteten Armen. „Den Adler machen“, würde man auf Polizeideutsch wohl sagen – den Bundesadler.
Taschenmesser und Handgranaten wurden bei den Freunden aus aller Welt allerdings seltener gefunden. Vielleicht erklärt aber gerade diese geringe Ausbeute an wirklich gefährlichen Gegenständen die ausufernde Fantasie mancher Sicherheitsleute, die in so manchem Pappkarton oder mancher Tröte das Böse erkannt zu haben glaubten. Was nicht mit ins Stadien genommen werden durfte, wurde gegen Quittung in weißen Containern verwahrt, die wiederum von zwei Sicherheitsleuten bewacht wurden. Die Regale in den Containern waren immer gut gefüllt: Deos, Rucksäcke, Wodkaflaschen, Fußbälle, ein aufblasbarer Baseballschläger. Ein Pappkarton, den sich ein Fan aus den USA über den Kopf gestülpt hatte. Vorne hatte er eine Öffnung hinein geschnitten, darüber die Aufschrift „Hi Mom, I’m on TV!“ Warum die Pappe „viel zu gefährlich“, so der Sicherheitsmann, für den Besuch eines Fußballspiels war, konnte niemand so richtig erklären, wurde dann aber – wie in den meisten Fällen – mit den Worten „Vorschrift der Fifa“ abgetan. Hatte die Fifa tatsächlich Pappkartons verboten?
Wahrlich, es gab unglaubliche Szenen zu sehen bei dieser WM. Aber die vielleicht absurdesten Momente waren, wie so oft, die kleinen, die am Rande. So mussten Frauen ihre Stöckelschuhe ausziehen und barfüßig in die Stadien laufen. „Vorschrift der Fifa“, lautete auch hier die knappe Antwort des Securitymenschen, mit den hohen Hacken könnten andere verletzt werden. Journalisten mussten ihre Laptops hochfahren, um zu beweisen, dass diese keine Attrappen und erst recht keine Bomben waren. Auch andere Ordner hatten zu viele James-Bond-Filme gesehen und ließen selbst den letzten Kugelschreiber aufschrauben. „Finden Sie das nicht ein wenig übertrieben?“, wurde gefragt, „was erwarten Sie denn darin zu finden?“ Der Mann mit dem orangenen Leibchen schaute so finster, als ob er persönlich beleidigt worden wäre.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich habe nichts gegen verschärfte Sicherheitskontrollen. Aus moderaten, besonnenen Menschen werden beim Fußball ja nicht selten unberechenbare, keifende Monster. Oder gar Kleinterroristen, die mit Golfbällen, Bierbechern oder Feuerzeugen schmeißen. Da ist ein bisschen fummeln am Eingang gewiss angemessen. Genauso wenig habe ich etwas gegen Goleo, für viele schon immer ein Problemlöwe, da er keine Hose trug. Dabei hätte ich allen Grund, so richtig sauer auf das zottelige WM-Maskottchen zu sein. Es passierte vor dem Anpfiff des Achtelfinals Brasilien gegen Ghana in den Katakomben des Dortmunder Stadions: Ich ahnte nichts Böses, fühlte mich rundum Fifa-sicher und schrieb gerade etwas in mein Notizbuch, da versetzte mir jemand von hinten einen mächtigen Stoß. Ich taumelte, stürzte aber nicht. Und ob Sie es mir glauben oder nicht: Goleo war es, der mich umgerannt hatte. Er merkte es noch nicht mal. Winkend tapste er einfach weiter. Was bislang noch keiner wusste, exklusiv bei RUND: Das größte Sicherheitsrisiko der WM war nicht der internationale Terrorismus oder die wilden Hooligan-Horden, sondern das Fifa-Maskottchen höchstselbst.
Oliver Lück
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