INTERVIEW
„Wir brauchen Vertrauensspiele, wie beim HSV!“
Jeden Mittwoch trainieren sie auf dem Gelände eines ehemaligen Stasi-Gefängnisses in Magdeburg. Simon Becker erzählt, wie aus einem lose organisierten Haufen jugendlicher Fußballer der 1. FC Knast 09 wurde. Interview Matthias Greulich

RUND: Herr Becker, wie war es, als sie zum ersten Mal im ehemaligen Stasi-Gefängnis am Moritzplatz in Magdeburg waren?
Simon Becker: Es war ein komisches Gefühl. Man geht durch eine Schleuse und stellt sich vor: „Hier mussten die Gefangenen durch.“ Da war mir mulmig zumute. Das Gebäude ist zweigeteilt: Auf der einen Seite die Gedenkstätte mit den ehemaligen Zellen der Stasi-Häftlinge. Direkt daneben, wo die Mitarbeiter ihre Räume hatten, wurde nach der Wende ein Jugendklub eingerichtet. Eine ungewöhnliche Atmosphäre. Aber die Leute waren von Anfang an sehr freundlich und höflich. Die Jugendlichen haben mich zuerst alle gesiezt.
RUND: Was haben Sie dort gemacht?
Simon Becker: Ich bin Sänger und Pianist und habe im Jugendklub ein Konzert gegeben. Mit einigen von den Jugendlichen haben wir später den 1. FC Knast 09 gegründet. Die Stadt hat dort einen kleinen Bolzplatz gebaut. Man darf allerdings keinen Ball ins Gebüsch schießen: Der ist nach einem Spiel platt. Und das Tor fällt auch schon fast auseinander. Es gab da diese Gruppe. Seit Jahren treffen die sich und bolzen miteinander. Auf verschiedenen Plätzen: Mal zwischen den Plattenbausiedlungen, mal auf Plätzen verschiedener Klubs. Es sind alles Kids zwischen 14 und 20 Jahren, die sich jetzt nicht unbedingt im Fußballverein organisieren würden.
RUND: Wie wurde der Stasiknast zum Vereinsnamen?
Simon Becker: Als ich das ein bisschen in die Hand genommen habe, sagten sie, dass sie es nun einen neuen Namen brauchten. Und weil sie sich jeden Mittwoch hier treffen, haben sie den Namen vorgeschlagen. Das Training leitet unser Kapitän, der von allen gewählt wurde. Ich bin meistens für das Warmmachen und die Dehnübungen zuständig. Das hat schon viel mehr Vereinscharakter, ist verbindlicher.
RUND: Die Trikots sind violett. Der Drache soll Feuer, Kraft und Leidenschaft symbolisieren.
Simon Becker: Es gab eine Abstimmung, diese Farbe hat sich durchgesetzt. Das Logo mit dem Drachen haben wir uns gemeinsam am Computer überlegt. Da kann man viel hineininterpretieren, aber wir fanden es cool.
RUND: Warum engagieren Sie sich?
Simon Becker: Ich bin Fußballfreak. Als meine Frau und ich vor anderthalb Jahren aus der Nähe von Köln nach Magdeburg gezogen sind, habe ich davon geträumt, eine Fußballtruppe zu haben. Mit meinen damals 26 Jahren hatte ich etwas Angst, dass die Jugendlichen viel besser sind als ich.
RUND: Sie sind also nicht der Besserwessi?
Simon Becker: Die Jugendlichen haben mich akzeptiert: Weil ich der Musiker war, den sie schon mal im Konzert gesehen hatten. Wir sehen das Ganze als sozialpolitisches Engagement. Der Fußball ist eine geniale Brücke, um sich zu engagieren. Einige Jugendliche haben ausbildungstechnisch nicht den Drive. Wir müssen sie weiter motivieren zur Schule zu gehen oder ihren Abschluss zu machen. Sie werden in ihrer Persönlichkeit gestärkt. Vertrauen ist dabei ein großes Stichwort. Ein Spieler sagte: „Wir müssen Vertrauensspiele machen, wie beim HSV! Die sind rauf auf die Trainerbank, haben sich fallenlassen und wurden von den anderen aufgefangen.“ Wir haben zwar keine Trainerbank, haben aber dann auch vertrauensaufbauende Sachen gemacht. Es soll Vertrauen entstehen.
RUND: Sind die Jugendlichen Fußballfans?
Simon Becker: Sie sind durchweg Fans des FCM, also des 1. FC Magdeburg. Einige begleiten die Mannschaft sogar auf Auswärtsfahrten. Sie fragen, ob ich nicht einen Spieler kennen würde, der dann das Training bei uns machen könnte. Ich habe leider noch keine Kontakte zu dem Klub.
RUND: Aus vielen Gegenden ist zu hören, dass die NPD versucht, über den Freizeitfußball Mitglieder zu werben. Ist das auch in Magdeburg ein Problem?
Simon Becker: Der Jugendclub Knast ist eher links orientiert. Vor zehn Jahren war er sehr punklastig. Dort gibt es also eher keinen Kontakt zu rechtsradikalen Gruppen. In anderen Jugendclubs, wo die linke Szene nicht so stark vertreten ist, kann das anders sein.
RUND: Wie geht es weiter mit dem Team?
Simon Becker: Ich bin sehr froh über den Ist-Zustand. Dass die Jungs jede Woche trainieren, auch wenn sie sonst Regelmäßigkeit nicht gewohnt sind. Es sind ein paar dabei, die gar keine Arbeit haben und überhaupt nichts tun. Jetzt haben sie etwas, wofür sie sich engagieren. Wir haben einen vierköpfigen Mannschaftsrat, in dem sie auch Verantwortung übernehmen. Und neulich kam die Idee aus der Mannschaft, einen echten Verein zu gründen. Das ist im Moment für uns aber noch zu hoch gegriffen. Wir hoffen, dass jetzt größere Mannschaften auf unser soziales Projekt aufmerksam werden und ein paar Bälle oder Trainingshütchen sponsern. Die Jungs haben kein Geld, die Trikots haben wir über Sponsoren bekommen.
RUND: Wer hat geholfen?
Simon Becker: Meine Frau und ich haben mit einigen Leuten einen Verein gegründet: Sunrise. Dort unterstützen wir verschiedene andere soziale Projekte.
Kontakt zum 1. FC Knast 09 über Simon Becker
sim@sim-becker.de
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