KARRIEREENDE
Kollektives Bashing
Zum Karriereende von Michael Ballack: Über Jahre war der Chemnitzer der größte Star des deutschen Fußballs. Nach seiner Verletzung vor der WM 2010 spielte der 36-Jährige nie mehr für die Nationalelf, deren Capitano er war. Von Matthias Greulich.
Mit der WM-Bronzemedaille 2006: Michael Ballack. Foto Pixathlon
Es war ein heißer Vormittag in Berlin, Michael Becker trug ein T-Shirt aus der Fankollektion des FC Chelsea, Jeans und bequeme „Chucks“-Turnschuhe. Sein Handy vibrierte im Zehn-Minuten-Takt, Beckers Klient, Michael Ballack, würde nach ausgeheilter Wadenverletzung am Nachmittag für die deutsche Nationalelf in der WM-Vorrunde gegen Ecuador spielen. Ein Interview? Sein Berater sagte, es seien einfach zu viele Anfragen, sie hätten deshalb seit Monaten alles ablehnen müssen. Becker erzählte auch, wie sie sich gegen ein aus alten Zitaten zusammengesetztes Interview wehren wollten, das in einer Zeitschrift erschienen war.
Mehr als sechs Jahre später hat der Mittelfeldspieler seinen Rücktritt bekanntgegeben. Rückblende: Im Mai 2010 wurde Ballack im englischen FA-Cup-Finale von Kevin Prince Boateng umgetreten. Einen Tag später änderte die ARD ihr Abendprogramm. Der „Brennpunkt“ warf die Frage auf, was sein diagnostizierter Riss des Innenbandes im Sprunggelenk für die deutschen Chancen bei der WM bedeutete. Der Tenor: Es wird ganz, ganz schwierig. Als Sami Khedira in Südafrika auf der Sechser-Position souverän und die gesamte Nationalelf höchst attraktiven Fußball spielte, schlug die Weltuntergangsstimmung in den Medien ins komplette Gegenteil um. Es war die Zeit gekommen, offene Rechnungen zu begleichen. Noch nie zuvor war ein Nationalspieler innerhalb weniger Wochen so demontiert worden.
Die Fürsprecher für Ballack waren an einer Hand abzuzählen: Rudi Völler von Bayer Leverkusen oder Hans Meyer, der in Südafrika die deutschen Spiele auf der Tribüne verfolgt hatte, stellten sich gegen das kollektive Bashing: „Wenn ich die Spiele gegen Spanien, Ghana oder Uruguay nehme: Da hätte uns Ballack in entsprechender Form sehr gut zu Gesicht gestanden. Aber es geht nicht darum, sachlich zu berichten. Es geht darum, einem Spieler, der nicht mit dem Boulevard ins Bett steigt, in bewährter Art zu degradieren und in respektloser Form zu behandeln. Und das in einer Zeit, wo er verletzt war und sich nicht mit Leistung wehren konnte“, sagte Meyer im RUND-Interview.
Der Fußballtrainer im Ruhestand ist Ehrenmitglied beim Chemnitzer FC, wo Ballack 1995 seine Profilaufbahn begann. Den Sohn eines Bauingenieurs nannten sie dort den „kleinen Kaiser“, weil der Mittelfeldspieler den Ball deutlich eleganter als die anderen Zweitligaprofis am Fuß führte – und das bei Bedarf links oder rechts. Hinzu kam eine große Torgefährlichkeit und ein weit überdurchschnittliches Kopfballspiel. Den Abstieg von Chemnitz konnte der junge „Balle“ zwar nicht verhindern, wurde aber zum U21-Nationalspieler und schaffte mit seinem Team den Wiederaufstieg. Die Karriere des Sachsen nahm Fahrt auf: 1997 Wechsel nach Kaiserslautern, 1999 Leverkusen und von 2002 bis 2006 Bayern München. Der Wechsel zum Weltstarensemble des FC Chelsea war der logische Schritt. Ballack biss sich an der Stamford Bridge durch, musste aber 2010 trotz des Gewinns von Meisterschaft und FA Cup gehen. „Ich habe den Klub geliebt. Ich habe mich immer wohl gefühlt und in der Mannschaft herrschte eine besondere Atmosphäre“, sagte er der „Times“ zum Abschied.
In der Nationalelf war der intelligente Profi mit dem trockenen Humor beliebt. „Er hat Entertainerqualitäten. Er hat immer einen Witz oder trockenen Spruch auf Lager“, so Philipp Lahm vor der WM 2006. Bei der für die DFB-Elf deprimierend verlaufenen EM 2000 nur 63 Minuten auf dem Platz, war er schon beim Weltturnier 2002 neben Oliver Kahn der auffälligste Deutsche. Im Halbfinale gegen Südkorea verhinderte er durch ein taktisches Foul den Ausgleich, war deshalb im Finale der WM wegen seiner zweiten gelben Karte gesperrt. Weitaus unspektakulärer, aber deshalb nicht weniger wirksam, stellte er sich 2006 in den Dienst der Mannschaft: Ohne zu Murren verrichtete er die Defensivarbeit im Mittelfeld.
Bei der EM 2008, Ballack hatte zwei Jahre Konkurrenzkampf bei Chelsea hinter sich, berichteten Mitspieler von wachsenden Ego-Problemen. In seinem Buch „Der Wahnsinn liegt auf dem Platz“ beschreibt Jens Lehmann wie Ballack und Torsten Frings nach dem Auftaktsieg bei der EM gegen Polen am Fitnessprogramm herummäkelten. „Zum ersten Mal gab es Unstimmigkeiten bezüglich des Programms“, schreibt Lehmann. Das Wortgefecht mit Oliver Bierhoff nach der Finalniederlage gegen Spanien machte deutlich, wie sehr es in Ballack gärte.
Als Philipp Lahm verlauten ließ, er wolle die Kapitänsbinde auch nach der WM nicht mehr zurückgeben kritisierte Ballack ihn scharf: „Ich bleibe dabei: So etwas macht man nicht. Diese Sache hat etwas mit Respekt gegenüber dem Kapitän zu tun“, sagte der damals 34-Jährige bei einem Redaktionsbesuch dem Boulevardblatt „Express“ Ende 2010 in Köln. Für die Nationalelf spielte Michael Ballack nie mehr. Das Angebot, zwei Abschiedsländerspiele zu machen, um auf 100 Partien zu kommen, lehnte er ab.
Zurück |