Taktik
Das Chaos nutzen
Der zweite Ball belohnt jene Mannschaften, die bereit sind, auf das Unplanbare zu reagieren – und es taktisch zu nutzen. Trainer wie Eddie Howe, Unai Emery oder Xabi Alonso haben dieses Prinzip weiterentwickelt. Es ist in ihren Teams keine Notlösung, sondern die gezielte Methode, Räume zu öffnen. Eine Analyse von Marius Thomas

Wohin prallt der Ball: Eine chaosartige Spielsituation aus einem Spiel zwischen Dortmund und dem FC Bayern. Foto: Pixathlon
Der zweite Ball war lange das ungeliebte Kind des modernen Fußballs. Er stand für Chaos, Zufall, lange Bälle und alles, was der ästhetisierte Ballbesitzfußball vermeiden wollte. In der Zeit, als Teams versuchten, jede Phase des Spiels zu kontrollieren, schien der zweite Ball ein Relikt aus einer anderen Ära – grob, unberechenbar, nicht planbar. Doch während viele Taktiker die Kontrolle perfektionierten, erkannten andere: Genau im Moment der Unordnung liegt der größte Vorteil. Heute gehört der zweite Ball wieder zum taktischen Vokabular der Elite. Nicht mehr als Verlegenheitslösung, sondern als gezieltes Stilmittel. Topteams wie Newcastle, Manchester City oder Leverkusen strukturieren ihre Offensivmomente so, dass sie den Zufall provozieren – und ihn kontrollieren. Das Spiel auf den zweiten Ball ist kein blindes Nachsetzen mehr, sondern ein geplanter kollektiver Ablauf: Antizipation, Raumkontrolle, Reaktionsgeschwindigkeit. In einer Zeit, in der Pressinglinien immer höher und Ballzirkulationen immer riskanter werden, ist der zweite Ball die Brücke zwischen Chaos und Kontrolle. Er belohnt jene Mannschaften, die bereit sind, auf das Unplanbare zu reagieren – und es taktisch zu nutzen.
Definition und Mechanik des zweiten Balls
Was genau ist eigentlich ein zweiter Ball? Im Kern beschreibt er die Situation nach einem offenen Duell – meist einem Kopfball, einem Abpraller oder einer Balleroberung, bei der keine der beiden Mannschaften sofort Kontrolle erlangt. Es ist der Moment, in dem der Ball kurz „frei“ ist, in der Luft oder zwischen den Linien springt – und sich entscheidet, wer die nächste Angriffsphase dominiert. Früher galt dieser Moment als zufällig. Heute ist er Teil des Plans. Mannschaften definieren klare Zonen, in denen sie zweite Bälle erobern wollen – meist im Halbraum oder im sogenannten „Red Zone“-Bereich zwischen Mittelfeld- und Abwehrlinie. Entscheidend ist, dass Spieler nicht auf den Ball reagieren, sondern die Flugbahn antizipieren. Sie positionieren sich so, dass sie den Raum kontrollieren, bevor der Ball dort überhaupt auftaucht. In modernen Systemen wie dem 4-2-3-1 oder 3-2-5 übernimmt das zentrale Mittelfeld eine Schlüsselrolle. Die Achter oder Sechser staffeln sich in Linien, um auf jeden Abpraller Zugriff zu haben. Auch die Außenverteidiger rücken oft ein, um die Breite abzusichern und die Bälle, die nach außen abtropfen, wieder nach innen zu lenken. Der zweite Ball ist also kein Zufallsprodukt, sondern ein Raumspiel in Sekundenbruchteilen – eine Art Mini-Umschaltmoment, bei dem sich zeigt, wie kollektiv organisiert ein Team wirklich ist.
Rückblick: Vom langen Ball zum Raumkonzept
In den 1990er- und frühen 2000er-Jahren war der zweite Ball vor allem ein Produkt des sogenannten „Kick-and-Rush“. Englische Teams wie Bolton Wanderers unter Sam Allardyce oder Stoke City unter Tony Pulis lebten davon, den Ball lang nach vorne zu schlagen, um anschließend kollektiv auf den Abpraller zu gehen. Es war ein Stil, der auf Physis, Wucht und Mut zum Chaos setzte – ein Fußball, der den Gegner über Überzahl im Raum zermürbte. Doch mit dem Aufstieg des Ballbesitzfußballs verlor der zweite Ball an Reputation. Arsène Wenger, Pep Guardiola oder auch Jürgen Klopp in seinen frühen Dortmunder Jahren predigten Kontrolle durch Passwege, Positionsspiel und strukturierte Ballzirkulation. Der Zufall wurde zum Feind des modernen Fußballs. Wer auf zweite Bälle setzte, galt als taktisch limitiert. Das änderte sich, als Pressing und Gegenpressing zur dominanten Spielform wurden. Gerade Klopps Liverpool oder die deutschen Pressingteams der 2010er-Jahre erzeugten durch ihre Aggressivität ständig Situationen, in denen der Ball frei wurde. Der zweite Ball war plötzlich wieder da – nicht mehr als Zufallsprodukt, sondern als Folge systematischer Dynamik. Heute haben Trainer wie Eddie Howe, Unai Emery oder Xabi Alonso dieses Prinzip weiterentwickelt. Sie nutzen den zweiten Ball nicht mehr als Notlösung, sondern als gezielte Methode, Räume zu öffnen. Der lange Ball ist nicht mehr Flucht aus der Struktur, sondern bewusster Trigger, um das Chaos zu erzeugen, das man anschließend kontrolliert.
Warum der zweite Ball heute wieder wichtig ist
Der moderne Fußball ist von Kontrolle besessen – und genau deshalb wird der zweite Ball immer wichtiger. In einer Ära, in der Pressinglinien hochstehen, Aufbauzonen eng werden und das Risiko im eigenen Drittel stetig wächst, suchen Teams nach Wegen, den Gegner aus seiner Struktur zu reißen. Der zweite Ball ist dabei kein Unfall, sondern ein bewusst provozierter Moment der Instabilität. Ein gezielter langer Ball – diagonal, halbhoch oder mit Spin gespielt – zwingt den Gegner, das Spiel zu verlassen, das er kontrollieren möchte. In dem Moment, in dem der erste Ball nicht klar gesichert wird, öffnet sich der Raum. Und wer diese Sekundenbruchteile beherrscht, kontrolliert das Tempo. Mannschaften wie Aston Villa oder Newcastle nutzen genau diesen Mechanismus. Statt sich in riskante Kurzpässe zu verstricken, überspringen sie das erste Drittel und verlagern die Kontrolle in die zweite Phase – dorthin, wo sie mit Tempo, Körperlichkeit und abgestimmtem Nachschieben auf den zweiten Ball Zugriff gewinnen. Datenanalysten sprechen mittlerweile von „Second Phase Control“ – der Fähigkeit, nach einem Abpraller oder Ballverlust sofort kollektiv Zugriff zu erzeugen. Sie ist zum Gradmesser taktischer Reife geworden. Denn wer den zweiten Ball gewinnt, diktiert das Geschehen: nicht durch Ballbesitz, sondern durch Präsenz, Intensität und die Bereitschaft, die Unordnung zu nutzen. Der zweite Ball ist damit kein Zeichen von Chaos, sondern von strategischer Reife – das bewusste Spiel mit der Unvorhersehbarkeit.
Fallbeispiele aus der Premier League und Bundesliga
Wer den zweiten Ball systematisch verstehen will, muss nur auf Newcastle United blicken. Unter Eddie Howe ist der zweite Ball zum Herzstück des Spiels geworden. Newcastle presst hoch, spielt viele erste Bälle bewusst lang – in der vergangenen Saison meist auf Isak oder Wilson – und rückt geschlossen nach. Es geht nicht darum, den Ball festzumachen, sondern darum, den Abpraller zu sichern. Die Achter Longstaff und Joelinton positionieren sich eng hinter dem Zielspieler, während die Außenverteidiger aggressiv einrücken, um zweite Bälle im Halbraum zu attackieren. So entsteht Druck in Wellen – kontrolliertes Chaos, das Gegner in ihrer eigenen Hälfte fesselt. Ein ähnliches Prinzip, aber mit mehr Struktur, nutzt Aston Villa unter Unai Emery. Hier sind die langen Zuspiele gezielter, meist diagonal auf Ollie Watkins, flankiert von hohen Achterpositionen. Der Fokus liegt darauf, den zweiten Ball nicht nur zu erobern, sondern ihn sofort in eine Angriffssituation umzuwandeln. Douglas Luiz oder McGinn sicherten im Rückraum, während die Außenverteidiger in den Zwischenlinienraum stießen. Villa nutzt zweite Bälle als kontrollierte Übergangsphase – als taktischen Mittelweg zwischen Ballbesitz und Umschaltspiel. In der Bundesliga hat Bayer Leverkusen das Konzept verfeinert. Xabi Alonso ließ seine Mannschaft in Ballbesitz phasenweise riskant spielen, aber im Moment des Ballverlusts reagieren seine Spieler wie auf Knopfdruck. Besonders die Halbräume hinter Grimaldo und Hofmann wurden systematisch besetzt, um abgewehrte Bälle oder Abpraller sofort wieder aufzunehmen. Diese Struktur machte Leverkusen so stabil im Gegenpressing – sie beherrschten den zweiten Ball wie kaum ein anderes Team. Selbst bei Manchester City findet man eine subtile Variante: Pep Guardiola nutzt den zweiten Ball nicht offensiv, sondern defensiv – um Kontrolle nach Ballverlusten zu sichern. Seine Restverteidigung positioniert sich so, dass abgewehrte Bälle fast zwangsläufig wieder bei City landen. So unterschiedlich die Ansätze sind – sie alle zeigen, dass der zweite Ball längst kein Zufallsprodukt mehr ist, sondern gezielte Raumlenkung auf höchstem Niveau.
Training und Steuerung: Wie Teams den Zufall planen
Der zweite Ball wirkt auf den ersten Blick chaotisch – doch auf dem Trainingsplatz ist er ein hochpräzises Thema. Trainer wissen längst: Wer diese Momente steuern will, muss sie simulieren. Entsprechend gehören „Second-Ball-Games“ heute zum Standardrepertoire moderner Teams. In diesen Spielformen werden lange Bälle bewusst provoziert, Duelle erzwungen und die Reaktion auf den Abpraller trainiert. Ziel ist, dass alle Spieler die gleichen Trigger erkennen und im selben Moment aktiv werden. Typischerweise wird in drei Zonen gedacht: erste Zone (Duell um den Ball), zweite Zone (Raum für den Abpraller) und dritte Zone (Absicherung oder Anschlussaktion). Entscheidend ist, dass die Mannschaft kollektiv verschiebt. Das bedeutet: Während der Zielspieler ins Kopfballduell geht, positionieren sich die Achter und Flügelspieler im Halbraum, um auf die zweite Zone zu reagieren. Die Abwehrlinie rückt gleichzeitig zehn bis fünfzehn Meter nach, um den Raum zwischen den Linien zu verdichten. Auch die Kommunikation spielt eine zentrale Rolle. Viele Teams verwenden klare Sprachsignale oder Handzeichen, um die Orientierung beim Nachrücken zu synchronisieren. Trainer wie Unai Emery oder Eddie Howe legen zudem Wert auf „body orientation“ – also den Körperwinkel, mit dem Spieler in die zweite Zone gehen. Wer offen zum Spielfeld steht, kann den Ball nicht nur gewinnen, sondern auch sofort weiterleiten. Insgesamt zeigt sich: Der zweite Ball ist kein Zufall, sondern das Ergebnis wiederholter, mikrostrukturierter Trainingsprozesse. Mannschaften, die diese Prinzipien automatisieren, verwandeln Chaos in Kontrolle – und Sekunden in Torgefahr.
Daten und Analyse: Der zweite Ball als KPI
Während der zweite Ball früher nur intuitiv bewertet wurde, ist er heute längst eine messbare Größe. Datenabteilungen erfassen nicht mehr nur Ballgewinne oder Pressingerfolge, sondern auch die Qualität der „Second Ball Moments“. Die gängigen Metriken reichen von „possession regain location“ – also dem Ort der Balleroberung – bis hin zu „time to regain“, der Zeitspanne zwischen Duell und Ballkontrolle. Manche Clubs quantifizieren sogar, wie häufig ein Team nach einem zweiten Ball in eine gefährliche Zone eindringt – ein Wert, der sich direkt auf den Expected Threat (xT) auswirkt. Premier-League-Teams wie Brentford oder Aston Villa arbeiten mit detaillierten „Second Phase Maps“. Sie zeigen, in welchen Räumen die meisten zweiten Bälle gewonnen werden und welche Spieler darin besonders effektiv sind. Besonders im Mittelfeld lassen sich dadurch klare Muster erkennen: Ballgewinne in den Halbräumen zwischen 20 und 35 Metern Entfernung vom Tor führen überdurchschnittlich häufig zu Abschlussaktionen. Auch in der Bundesliga wird das Thema datengetrieben angegangen. Leverkusen und Leipzig nutzen Trackingdaten, um Reaktionszeiten nach Abprallern zu messen – eine Art KPI für kollektive Antizipation. Ein Spieler, der nach einem Abwehrduell innerhalb von zwei Sekunden Druck auf den Ball ausübt, gilt als taktisch „aktiviert“. Die Zahlen zeigen: Der zweite Ball ist kein grauer Bereich mehr zwischen Offensive und Defensive, sondern ein definierbarer Leistungsindikator. Er misst, wie schnell und kollektiv ein Team reagieren kann – also den eigentlichen Puls des modernen Spiels.
Bedeutung im modernen Spiel
Der zweite Ball ist mehr als nur ein taktisches Detail – er steht für den inneren Widerspruch des modernen Fußballs. Zwischen Struktur und Chaos, zwischen Planung und Reaktion, zwischen Kontrolle und Risiko. Wer den zweiten Ball versteht, versteht das Wesen des heutigen Spiels: Die besten Mannschaften sind nicht jene, die jeden Moment kontrollieren, sondern jene, die vorbereitet sind, den Kontrollverlust zu managen. Trainer wie Xabi Alonso, Unai Emery oder Eddie Howe haben begriffen, dass das Spiel zu komplex geworden ist, um es permanent zu beherrschen. Stattdessen zielt ihr Ansatz darauf ab, die Momente zu gestalten, in denen das Spiel offen ist – Sekunden der Unordnung, in denen Instinkt und Struktur verschmelzen. Der zweite Ball ist die Quintessenz dieses Ansatzes. Er zwingt Mannschaften, kollektiv zu denken, aber individuell zu reagieren. Er belohnt Spieler, die Räume lesen können, bevor sie entstehen – und Systeme, die bereit sind, sich in Bewegung zu organisieren. In dieser Fähigkeit, auf Unvorhersehbares zu reagieren, liegt die neue Form von Kontrolle. Im zweiten Ball treffen die alten Prinzipien des physischen Fußballs auf die Präzision der datengetriebenen Moderne. Er ist weder Zufall noch Kalkül, sondern eine kontrollierte Öffnung des Chaos – ein Moment, der zeigt, dass Spielintelligenz heute mehr ist als Ballbesitz oder Passquote. Sie misst sich in der Fähigkeit, das Unplanbare zu planen.
Ausblick: Der nächste Schritt der Entwicklung
Die Entwicklung des zweiten Balls ist noch lange nicht abgeschlossen. In Zukunft wird er wohl noch gezielter gesteuert werden, nicht nur durch Training und Taktik, sondern auch durch moderne Technologie. Tracking-Daten, KI-gestützte Bewegungsanalysen und präzise Gegner-Scouting-Systeme ermöglichen es, Situationen vorherzusagen, bevor sie entstehen. Spieler könnten künftig nicht nur auf Erfahrung und Intuition reagieren, sondern auf datenbasierte Triggerpunkte, die bereits vor dem Abpraller die optimale Positionierung vorgeben. Für Trainer bedeutet das eine neue Dimension der Steuerung. Sie müssen Spieler nicht nur physisch und taktisch vorbereiten, sondern auch auf eine Vielzahl möglicher Szenarien konditionieren. Die Qualität eines Teams könnte zunehmend daran gemessen werden, wie effizient es auf zweite Bälle reagiert – und wie schnell es den unkontrollierten Moment in eine strukturierte Angriffsaktion verwandelt. Auch das Scouting wird beeinflusst. Spieler mit außergewöhnlicher Reaktionsschnelligkeit, Raumintelligenz und Antizipationsvermögen werden wertvoller denn je. Vereine werden gezielt nach Athleten suchen, die in Sekundenbruchteilen Entscheidungen treffen können – ein klarer Trend zu noch flexibleren, vielseitigeren Profis. Fazit: Der zweite Ball ist längst kein Nebenprodukt mehr. Er ist ein Schlüsselmoment des modernen Fußballs – die Schnittstelle zwischen Kontrolle und Chaos, zwischen Planung und Reaktion. Teams, die ihn systematisch trainieren und analytisch auswerten, verschaffen sich entscheidende Vorteile. In einer Liga, die zunehmend komplexer und dynamischer wird, ist der zweite Ball die unsichtbare Waffe, die über Sieg und Niederlage entscheidet.
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