Zurück  |  

LÜGENDETEKTOR
„Achterbahn ist Adrenalin“
Cacau spricht – verkabelt am Lügendetektor – über zu viele rote Karten, seinen größten Nervenkitzel und dass er gerne mal unsichtbar wäre. Interview Oliver Lück und Eberhard Spohd.


Cacau

„Ich habe einmal gelogen“: Stuttgarts Cacau Foto Martin Sigmund


RUND: Cacau, Ihr Puls ist recht hoch.
Cacau: Das muss noch vom Training sein. (++++)
Funktioniert das Gerät wirklich?

RUND: Natürlich, auch wenn es schon etwas älter ist. Was war der peinlichste Moment, an den Sie sich erinnern können?
Oh je, das war beim Geburtstag eines Freundes. Ich kannte kaum jemanden, alles war ruhig, der Tisch war schön gedeckt und ich wollte mich am Buffet bedienen. Ich habe die Decke vom Tisch gezogen und alles auf den Boden geschmissen. Das war sehr laut und sehr peinlich, alle haben mich angestarrt. Ich wäre am liebsten nach Hause gegangen.

RUND: Was würden Sie gerne an sich ändern?
Ich werde schnell nervös und wütend. Vor allem auf dem Platz. Früher war das aber noch schlimmer, da habe ich noch mehr geflucht und ganz schlimme Worte gesagt.

RUND: Welche denn?
Alle schlimmen Worte, die Sie sich vorstellen können. (++++)

RUND: Gab es viele rote Karten?
Ja, auch weil ich den Ball oft weggeschossen oder mit dem Schiedsrichter gemeckert habe.

RUND: Was macht Sie außerhalb vom Fußball wütend?
Wenn man lügt. Echt, das kann ich nicht ab. Wenn mich jemand fragt, ob er bei mir vorbeikommen kann, dann sage ich nicht, dass ich nicht zu Hause bin. Dann sage ich lieber, dass er nicht kommen soll.
(++++)

RUND: Keine Notlügen, nie?
Nein. Ich habe einmal gelogen und dafür einen hohen Preis zahlen müssen.

RUND: Was war da?
Das war beim 1. FC Nürnberg. Ich war verletzt, der Trainer hatte mir eine Pause verordnet. Obwohl ich mich ausruhen sollte, ging ich aber ins Schwimmbad. Und da hat mich dann jemand gesehen. Am nächsten Tag fragte mich der Trainer, wo ich war. Ich sagte, ich sei nach Stuttgart gefahren. Er hat mich sofort suspendiert.

RUND: Welcher Trainer war das?
Klaus Augenthaler. Die Geschichte kannten bisher nur er, ich und meine Frau.

RUND: Tut uns leid. Sie sind in S√£o Paulo aufgewachsen, haben Sie dort Gewalt und Armut mitbekommen?
Armut schon, Gewalt weniger. Wir hatten wenig, es gab auch Tage, an denen wir nichts zu essen hatten. Aber dass jemand erschossen wurde, habe ich nie mitbekommen.

RUND: Waren Sie in einer Jugendgang?
Nicht in einer richtigen.
(++++)

RUND: Was heißt das?
Wir waren zehn Jungs, so 15 Jahre alt. Wir haben Straßenlaternen mit unseren Steinschleudern zerschossen, mal ein bisschen Schokolade geklaut und solche Kleinigkeiten. Aber richtig kriminell waren wir nicht.

RUND: Haben Sie schon mal ein Tier gequält?
Ich kann mich nicht daran erinnern.
(++++)

RUND: Sie können oder Sie wollen nicht?
Ich weiß es nicht mehr. Ich hatte aber Freunde, die haben eine Katze am Schwanz im Kreis geschleudert.

RUND: Gibt es etwas, wovor Sie große Angst haben?
Schlangen! Die kann ich nicht sehen. In Brasilien sind die echt gefährlich. Ich kann die nicht einmal hinter Glas ertragen. Einmal im Wald haben wir eine unglaublich riesige gesehen, wir sind sofort weggelaufen.

RUND: Hatten Sie schon mal Todesangst?
Nein.
(++++) Das heißt doch, zweimal in Brasilien als Junge. Wir sind herumgelaufen mit Katapulten. Da haben uns Polizisten gesehen. Und weil in der Gegend viel kaputtgemacht worden war, dachten die, dass wir das waren. Die sind ausgestiegen, haben uns auf die Autos gelegt und uns die Pistole an die Schläfen gehalten. Eine halbe Stunde ging das so, danach sind wir zitternd nach Hause. Ein anderes Mal wollte ich einen Freund besuchen. Ein paar Minuten vorher hatte die Polizei einen Anruf bekommen, dass jemand mit kurzen Hosen und blauer Jacke ein Haus ausgeraubt hatte. Dummerweise war ich mit kurzer Hose und blauer Jacke unterwegs. Ein Polizist bedrohte mich mit der Pistole und sagte: „Komm, wir gehen jetzt spazieren, wir gehen mal um die Ecke.“ Da hatte ich richtig Angst.

RUND: Mögen Sie den Karneval?
Früher ja, ich habe sogar meine Frau da kennen gelernt. Aber heute nicht mehr. Ich darf die Lieder nicht hören, sonst kippt mein Gott um. Der Rhythmus ist schön, aber es ist kein Thema mehr für mich.

RUND: Warum?
Weil das Sünde ist. Vielleicht ist das hier anders als Brasilien, aber dort ist es richtig schlimm mit Sex, mit Drogen und allem. Die Leute machen vier Tage lang, was sie wollen.

RUND: Wie vergnügen Sie sich denn?
Meine Frau und ich, wir fahren sehr gerne Achterbahn. Wir gehen da immer und immer wieder rein. Das ist Adrenalin pur. Wir waren schon in verschiedensten Parks, auch in den USA.

RUND: Sie lieben den Nervenkitzel.
Oh ja, sehr.

Cacau

„Ich wäre gerne unsichtbar“: Cacau hat noch Helden Foto Martin Sigmund


RUND:
Finden Sie, dass Deutsche komische Angewohnheiten haben?
Die Leute sind so leise. Letzte Woche waren wir auf einem Spielplatz, zusammen mit Bekannten und deren Kind. Das hat natürlich viel geschrieen. Und nebenan war ein Mann beim Autowaschen, der hat gemotzt: „Warum schreist du hier so rum. Geh weg, sonst rufe ich die Polizei!“ Manchmal ist es gut, dass es Ordnung gibt. Man muss doch aber auch spontan sein und sich freuen dürfen. Der Mann zumindest hat sich nicht gefreut.

RUND: Wann haben Sie das letzt Mal bei einem Film geweint?
Das kommt häufiger mal vor. Vor kurzem erst. Das war der Film „Nur mit Dir“, die Geschichte von einem Mädchen, das krank ist, sich verliebt und kurze Zeit später stirbt. Aber auch bei anderen Filmen habe ich geweint. In „The Climb“ rettet einer seinen Freund beim Bergsteigen, indem er sein eigenes Seil durchschneidet und abstürzt. Da war ich echt traurig. Ich habe auch „Der Untergang“ gesehen. Das hat mich sehr bewegt. Jetzt will ich unbedingt nach Berlin fahren, um mir alles anzusehen, den Führerbunker und das Mahnmal für die getöteten Juden.

RUND: Woher kommt der Name Cacau?
Das war an meinem ersten Geburtstag. Wir haben ein Geburtstagslied gesungen, und ich habe statt Claudemir, wie ich richtig heiße, Cacaudemir gesungen. Da hat meine Mutter gesagt, dass ich jetzt Cacau heiße.

RUND: Wenn Sie ein Superheld sein könnten, welcher?
Eigentlich keiner.
(++++)

RUND: Sie denken doch aber an einen?
Der Unsichtbare.

RUND: Sie wären gerne unsichtbar?
Klar, dann kann man besser Streiche spielen. Ganz ehrlich, das Gerät wird das bestätigen: Früher habe ich immer gedacht, ich könne dann ja in eine Bank rein und Geld mit herausnehmen. Früher habe ich mir oft überlegt, wie praktisch das wäre. Keine Geldsorgen mehr. Aber inzwischen brauche ich das nicht mehr.

RUND: Das Geld hätte man aber doch gesehen beim Raustragen.
Ja, stimmt, aber als Kind denkt man daran ja nicht.

Fazit: Die christliche Überzeugung von Cacau scheint echt zu sein. Nicht einmal Notlügen lässt er zu. Kein Wunder, wenn er ein gebranntes Kind ist. Trotz kleiner Diebstähle als Kind und der Neigung, den Banken Geld zu entwenden, ist aus dem kleinen Claudemir ein ganz anständiger Cacau geworden, der lieber Achterbahn fährt als im Karneval zu sündigen oder schlimme Worte zu benutzen.

LÜGENLEGENDE
Pippi Langstrumpf
(++++)
Pinocchio (++++)
Baron Münchhausen (++++)
Robert Hoyzer (++++)


Das Interview ist in RUND #7_02_2006 erschienen.


Zurück  |