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TOR ZUM OSTEN
Besuch beim Vater der Konzepttrainer
Waleri Lobanowski musste den plebiszitären Titel „Trainerlegende“ schon zeitlebens mit sich herumschleppen. Galt er doch schon früh als einer der Väter des modernen Fußballs. Von Olaf Sundermeyer.

 

Stadiontor Dynamo KiewDas Lobanowski Stadion von Dynamo Kiew Foto Olaf Sundermeyer

 

Er hat sie alle überrundet. Otto Rehhagel saß 14 Jahre lang bei Werder Bremen auf der Bank. Der schlohweiße rumänische Patriarch Mircea Lucescu hält es inzwischen schon acht Jahre bei Schachtar Donezk aus, ist beim ukrainischen Meister Rekordtrainer. Aber Waleri Wassiljewitsch Lobanowski kam schon in seiner ersten Amtszeit bei Dynamo Kiew auf 17 Dienstjahre. Dann zerfiel die Sowjetunion. Der Trainer veredelte sodann seinen großen Namen einige Jahre lang in Kuweit und den Arabischen Emiraten, um nach 2000 schließlich noch zwei weitere Jahre in Kiew dran zu hängen. Bis ihn der armenische Cognac endgültig dahin raffte. Er konnte nicht von ihm lassen.

Aber schon lange vor seinem Ende hatte Lobanowski Dynamo Kiew zu einer Weltklassemannschaft geformt, dem Fußball mit Oleg Blochin einen stürmischen blonden Gott geschenkt, der die Lichtgestalt Franz Beckenbauer als eine irdische Kreatur erscheinen ließ, und dem Totaalvoetbal der Holländer eine sowjetische Variante entgegengestellt, die aus dem Endspiel bei der EM 1988 in München ein Kräftemessen der frühen Konzepttrainer machte: Rinus Michels gegen Waleri Lobanowski (2:0). Schließlich erlaubten es die totalitären Rahmenbedingungen des sowjetischen Sports, dass der beste Trainer in der Union neben seinem Klub auch die Nationalmannschaft, die Sbornaja, dirigierte. Damals war Kiew der wichtigste Fußballstandort der östlichen Hemisphäre.

Lobanowski setzte als Nationaltrainer stets einen starken Block von Dynamo-Spielern ein. Zeitweise kamen die Spieler fast ausschließlich von dort. Etwa 1986, bei der Weltmeisterschaft in Mexiko. In diesem Jahr hatte er mit Dynamo Kiew zum zweiten Mal den Europapokal der Pokalsieger gewonnen. Nie erlebte der ukrainische Fußball, und mit ihm der sowjetische, eine bessere Zeit. Auch deshalb haben sie ihm hier, im Stadtzentrum von Kiew, ein Denkmal gebaut: eine lebensnahe Bronzestatue. Da sitzt der schlanke Waleri Wassiljewitsch also nach vorne gebeugt auf einer Bank und schaut konzentriert geradeaus. Vielleicht auf ein Spielfeld. Neben ihm, auf einer niedrigen Mauer, sitzt eine grazile ältere Dame, in sich gekehrt, mit einem kleinen Strauß pastellfarbener Astern im Schoß ihres weißen Leinenkleides. Für wen die Blumen wohl sind? Ich schaue mich um, offenbar wartet sie auf niemanden. Das hier ist ein Andachtsort, der zur Zwiesprache mit der Trainerlegende einlädt.


Wissen Sie, Waleri Wassiljewitsch, eigentlich, dass Franz Beckenbauer und Ralf Rangnick? Der Rangnick jedenfalls gilt bei uns in Deutschland unter vielen Fachleuten als derjenige, der dort die Viererkette eingeführt hat. Zwar reichlich spät, aber immerhin. Und wissen Sie, bei wem er sie sich abgeschaut hat? Bei Ihnen, Waleri Wassiljewitsch. Möglicherweise erinnern Sie sich ja noch an ein Gastspiel im Schwäbischen, gegen Viktoria Backnang. Das war 1984, Sie hielten mit Dynamo Ihr Trainingslager in der Gegend ab. Auf der anderen Seite stand so ein blitzgescheiter junger Spielertrainer auf dem Platz. Das war der Ralf Rangnick. Jedenfalls erzählte er über 20 Jahre später überall herum, dass er zehn Minuten nach Anpfiff die Spieler durchgezählt habe. Auf beiden Seiten sei er dabei auf die ordnungsgemäße Zahl elf gekommen. Doch Ihre Mannschaft habe so ein starkes Pressing gespielt, und so geschickt die Weite des Feldes genutzt, dass er, der Rangnick, annehmen musste, Sie hätten mindestens zwei Spieler mehr auf dem Platz.

Leider hat es dann sehr lange gedauert, bis sich Ihre Viererkette bei uns durchgesetzt hat. Lange erfolglose Jahre hat der deutsche Fußball deshalb verloren. Aber seit einigen Jahren nun werden Ihre Erkenntnisse auch bei uns angewandt, der Joachim Löw – auch so ein Blitzgescheiter – hat sie sogar noch weiterentwickelt. So dass man sich nun mit einer gewissen Berechtigung Hoffnung darauf macht, hier, im Sommer beim Finale in Ihrer Heimatstadt, Europameister zu werden. Mit einer deutschen Variante Ihres sowjetischen Totaalvoetbal - äh Futbol absolut. Eigentlich wollte ich Ihnen zum Dank dafür ein Fläschchen armenischen Cognac mitbringen. Aber der ist gar nicht gut für Sie. Freuen Sie sich lieber über den Strauss schöner Astern. Die riechen auch gut!

 

Olaf SundermeyerAuf der Trainerbank des Finalstadions, dem Olympiastadion in Kiew: Olaf Sundermeyer
Foto Olaf Sundermeyer

 

Tor zum OstenOlaf Sundermeyer: Tor zum Osten, Werkstatt Verlag, 12,90 Euro, ISBN-13: 978-3895338533

 



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