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INTERVIEW
"Auch bei mir flossen Tränen"
Sport-Managerin und Rund Kolumnistin Samira Samii über den Beginn der Weltmeisterschaft in Qatar 2022 und das Spiel England gegen den Iran.

 

Sportmanagerin & Rund-Kolumnistin Samira SamiiSportmanagerin & Rund-Kolumnistin Samira Samii

 

Frau Samii, wie beurteilen Sie die Situation rund um die WM 2022 in Qatar?
Samira Samii: In den letzten Jahren ist viel über die WM in Qatar gesprochen worden, über die Arbeitsbedingungen der Arbeiter während der Bauarbeiten an den Stadien und allgemein über die Menschenrechte in Qatar. Frauen haben in diesem Land nur sehr wenig Rechte und Minderheiten, wie Homosexuelle werden unterdrückt und verfolgt. Aber in den letzten zwei Monaten gibt es zusätzlich die Proteste in meinem Heimatland Iran. Die hochqualifizierten jungen Leute gehen auf die Straße und demonstrieren für Freiheit und gegen das Regime. Es gibt also große Sorgen für die Menschen, aber der Fußball hat einen sehr hohen Stellenwert in meinem Geburtsland.

 

Heute hat Ihr Geburtsland Iran gegen England gespielt. Mit welchen Gefühlen sehen Sie die Partie?
Samira Samii: Ich habe immer gesagt, dass Fußball ein sehr emotionaler Sport ist, der Menschen auf der ganzen Welt verbindet. Wenn der Iran spielt, ist es für mich natürlich noch emotionaler. Und alle Iraner schauten gespannt nach Qatar, ob die iranische Nationalmannschaft ihre Nationalhymne singt oder nicht. Aufgrund der Proteste hat das Volk vom Team gefordert, nicht zu singen und die Regierung hatte angekündigt, jeden Spieler zu bestrafen, der nicht singt. Das Team hat sich eindeutig hinter die Bevölkerung gestellt und geschwiegen und die Hymne nicht gesungen. Auf der Tribüne sind bei vielen Zuschauern und Zuschauerinnen die Tränen geflossen. Und auch bei mir! Das sind richtige Helden und in Qatar haben sie eine weltweite Bühne!

Wie war die Ausgangsituation zwischen England und dem Iran?
Samira Samii: Die Ausgangssituation zwischen England und dem Iran könnte nicht extremer sein. Auf der einen Seite das Geburtsland des Fußballs und westeuropäische Wirtschaftsnation mit allen finanziellen Mitteln vom Nachwuchsbereich bis hin zur A-Nationalmannschaft bei dieser Weltmeisterschaft. Und auf der anderen Seite eine Nationalmannschaft eines sehr stolzen Volkes mit großer Geschichte, überschaubaren Mitteln und gewaltigen innenpolitischen Problemen zu Hause. In der Weltrangliste liegen England auf Rang fünf und der Iran auf Rang 20 fünfzehn Plätze auseinander. Also alles als ein klarer Sieg für die Engländer wäre eine Überraschung, aber die Iraner spielen für sich, Ihre Fans und Ihr Volk.

Wie haben Sie die erste Halbzeit gesehen?
Samira Samii: Alle Iraner und wahrscheinlich die meisten internationalen Zuschauer waren gespannt, ob die Iraner ihre Nationalhymne singen oder sich mit dem Volk solidarisieren, die Nationalhymne nicht singen und somit ruhig gegen das Regime protestieren. Und sie haben nicht gesungen! – Das sind die wahren Helden der WM! Die Zuschauer im Stadion und ich haben geweint vor Freude bevor das Spiel angestoßen wurde. Dann ging es endlich los und nach ein paar Minuten der Begeisterung gab es schon den ersten traurigen Höhepunkt. Der tapfere iranische Torwart Alireza Beiranvand prallte mit einem Mitspieler zusammen und blieb lange benommen liegen. Mit blutender Nase und neuem Trikot wollte er unbedingt weiterspielen und nach einem kurzen Test musste er aber leider doch ausgewechselt werden. Eine gute halbe Stunde hielt der Iran tapfer dagegen, aber dann war einer der Jungstars der WM zur Stelle und Bellingham schoß das 1:0. Die Engländer wurden immer stärker und markierten noch vor der Halbzeit das 2:0 durch Saka und das 3:0 durch Sterling.

Und nach dem Seitenwechsel wurde es nicht besser.
Samira Samii: Die Iraner taten sich zunehmend schwerer und die Engländer wurden immer dominanter. Nach einer Stunde schoss wieder Saka das 4:0. Und nur 3 Minuten später schoss Taremi den Anschlusstreffer und stürzte ein ganzes Volk in Freudentränen. Auch wenn Rashford und Grealish gleich das 5:1 und 6:1 machten. Team Melli bekam in der 103. Minute noch einen Elfmeter und Taremi stellte mit seinem verwandelten Elfmeter den Endstand von 6:2 her.

Wie wird die WM für den Iran weitergehen?
Samira Samii: Das Team Melli, wie die iranische Nationalmannschaft genannt wird, muss die Niederlage schnell verdauen und sich auf das nächste Spiel gegen Wales konzentrieren. England wird Gruppenerster, aber der Iran hat zum ersten Mal gegen Wales und den USA auch Außenseiterchancen auf den zweiten Gruppenplatz und die K.o.-Runde.

 



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