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INTERVIEW TEIL 2
„4-4-2, 4-3-3, 3-4-3 – das sagt mir nichts“
Im zweiten Teil des Gesprächs redet der große Fußballfachmann Jorge Valdano über die Fähigkeiten von Trainern wie Jose Mourinho und die besten Spielmacher des modernen Spiels.


Jorge Valdano
„Wir waren sehr reif“: Valdano jubelt über sein Tor im WM-Finale 1986
Illustration Eskah

 


RUND: Herr Valdano, gibt es ein taktisches System, das für die Entwicklung eines schönen Spiels günstiger ist als die anderen?
Jorge Valdano: Wozu soll es gut sein, von Zahlen zu sprechen? 4-4-2, 4-3-3, 3-4-3 – das sagt mir nichts. Man kann das Spiel einer Mannschaft nur korrekt analysieren, wenn man sich auf die Bewegung konzentriert, die Verlagerung der Spieler, die Fähigkeit, in einer Defensivsituation die Räume zu schließen oder sie in einer Offensivsituation zu schaffen. Ein taktisches System ist nichts als eine Zeichnung, starr, ohne jeden Sinn.


RUND: Der FC Barcelona ist die derzeitige Bezugsgröße. Sehen Sie weitere?
Jorge Valdano: In Spanien sind Saragossa, der FC Sevilla oder Huelva Mannschaften, die versuchen, gut zu spielen und denen dies auch meist gelingt. In Italien ist das Spiel von Inter ambitioniert und passt sich dem Kontext an. In diesem Jahr sind sie bei jedem Spiel Favorit und gehen so mit dem Ball um, dass sie die Erwartungen, die sie wecken, auch erfüllen. Der AC Mailand vertritt einen eigenen Stil, der auf Angriff ausgerichtet ist. In England spielt Arsenal ein akademisches Spiel, während der Stil von Manchester United direkter ist. Nicht zu vergessen Chelsea, eine Mannschaft, die vor allem physisch stark, gleichzeitig aber auch prädestiniert für den Angriff ist. Was sie ohne Glanz, aber mit bewunderungswürdiger Effizienz tut.


RUND: Und welche Persönlichkeiten tragen das schönen Spiels?

Jorge Valdano: Früher war es die Nummer zehn. Heute stören sich viele Trainer an seiner Anwesenheit in ihrer eigenen Mannschaft. Diejenigen, die einen Spielmacher aufstellen, verschieben ihn auf eine Seite oder in den Sturm. Es ist wirklich paradox: Der Trainer, der diesen Spielertyp in seiner eigenen Mannschaft hat, lässt ihn nicht spielen. Aber wenn er im gegnerischen Team auftaucht, lässt man ihn von drei Spielern decken. Eines haben alle Mannschaften, die schönes spielen, gemeinsam: einen Spielmacher, der dem Sturm mehr oder weniger nahe ist. Diego bei Werder, Esteban Cambiasso bei Inter, Paul Scholes bei Manchester United, Cesc F√†bregas bei Arsenal, Xavi, Andrés Iniesta und Deco bei Bar√ßa. Alle entwickeln sich in der Mitte, kleben nicht an der Seitenlinie. Diese Art Spieler ist durch ihren Weitblick und ihre Fähigkeit, die Stürmer im richtigen Tempo zu finden, unerlässlich für eine Mannschaft.

RUND: Die meisten Spieler, von denen Sie sprechen, haben sich in einer zurückgesetzten Position entwickelt, wie Redondo bei Real Madrid. Warum?
Jorge Valdano: Das ist eine ziemlich alte südamerikanische Tradition, da ja in den 50er-Jahren schon Obdulio Valera, der Kapitän der Weltmeister aus Uruguay von 1950, und Didi mit Brasilien in dieser zurückgesetzten Position auf der Mittellinie spielten. In Argentinien gilt die Nummer fünf als diejenige, die ihren Partnern Lösungen anbietet.

RUND: Im Gegensatz dazu verteidigt eine Nummer zehn wie Juan Riquelme nicht. Kann ein Spieler auf der Mittellinie von defensiven Aufgaben vollständig befreit werden?

Jorge Valdano: Das ist ein Scheinproblem. Riquelme ist ein Spieler im Dienste eines Kollektivs. Wenn sein Spiel vollkommene Freiheit erfordert, können seine zehn Mitspieler die zusätzliche Defensivarbeit unter sich aufteilen. Eine Mannschaft muss von den Qualitäten, die einen solchen Spieler auszeichnen, so viel wie möglich profitieren. Es geht darum, die Aufstellung von Riquelme intelligent auszugleichen. Als Maradona die Nummer zehn der Mannschaft war, lief ich während der meisten Spiele mehr als er, links, rechts, auf der gesamten Breite des Sturms. Das war ein Element des Ausgleichs, eine Art, das Gleichgewicht der Mannschaft aufrecht zu erhalten. Es fällt mir schwer zu verstehen, dass man das größte individuelle Talent einer Gemeinschaft opfern kann, um diese nicht in Unordnung zu bringen.

RUND: Wie beeinflussen die derzeitigen Trainer das Spiel noch?
Jorge Valdano: Jeder kultiviert seine eigenen Stärken. Jemand wie Arsène Wenger gibt seine Würde an das Spiel und besitzt die Gabe, das Maximum aus den jüngsten Spielern herauszuholen. José Mourinho und Fabio Capello dagegen haben eine autoritärere Art, ihre Mannschaft zu führen und zeichnen sich dadurch aus, ihr einen Gemeinschaftssinn zu verleihen. Und Rijkaard und Mancini respektieren die Freiheit jedes einzelnen Spielers viel mehr.

RUND: Welche Spezialisten haben die Art, wie Sie den Fußball sehen, beeinflusst?
Jorge Valdano: César Luis Menotti in Argentinien und Léo Benhakker in Spanien. Jeder hatte seine Ansprachen und Methoden, aber sie haben mir Freiheit gelassen. Sie haben meinem Ausdruck auf dem Platz freien Lauf gelassen. Und vor allem hatten sie zwei wesentliche Prinzipien, die heute meine Sicht des Fußballs bestimmen: Sie waren der Ansicht, dass der Ball im Zentrum des Spiels steht, und dass das schöne Spiel das ist, das den Zuschauer respektiert. Wenn das gesagt ist, ist alles gesagt.

Interview Mickaél Caron

Klicken Sie hier, um Teil 1 des Interviews mit Jorge Valdano zu lesen



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