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ITALIEN
Italien hat die Super-Bank
Kein Profi muss mehr auf der Tribüne bleiben: In der italienischen Serie A dürfen ab sofort alle Spieler auf der Ersatzbank sitzen. Viele Klubeigner hatten sich für die Neuerung eingesetzt, um ihr „Humankapital“ zu präsentieren. Von Giovanni Deriu

 

ErsatzbankDie Ersatzbank der italienischen Nationalelf bei der EM: Dort durften zwölf Spieler sitzen, dazu kommen bis zu sechs Offizielle Foto Pixathlon

 

In der Serie A sind sie richtig progressiv. Und das nach all den Wettskandalen und Gerichtsverfahren im Gefolge der zahlreichen Spielmanipulationen, die den italienischen Fußball erschüttern. Seit dem ersten Spieltag dürfen alle Mitglieder des Spielerkaders jeder Profi-Mannschaft auf der Ersatzbank sitzen. Bislang war es erlaubt, insgesamt 18 Namen auf dem Spielberichtsbogen zu schreiben: Torwart, zehn Feldspieler und maximal bis zu sieben Auswechselspieler.

Seit Jahren schon äußerten immer wieder einflussreiche Vereins-Präsidenten und Mäzene sowie Fußball-Trainer in Italien den Wunsch, man möge doch die „Unart“ abschaffen, dass „Humankapital“ auf der Tribüne Platz nehmen müsse. Die Spieler, so argumentieren die Präsidenten nicht ganz uneigennützig, würden quasi vom Team „ausgegrenzt“. Allen voran der neapolitanische Präsident und Mäzen von Pokalsieger SSC Neapel, Aurelio de Laurentiis, preschte öffentlich und publikumswirksam in den zahlreichen Fußballshows immer wieder vor, um das Thema „Super Panchina“ (die Super-Bank) zu promoten. Ihm zur Seite als Unterstützer standen die Großen der Konkurrenz, Adriano Galliani (AC Milan) mit Patron Silvio Berlusconi, genauso wie Maurizio Zamparini (US Palermo) und Massimo Moratti (Öl-Tycoon und Inter Mailands Präsident).

Ein Profi, der vom Trainer nicht im Kader berücksichtigt werden konnte, nahm bislang auf der Tribüne in der Vereins-Loge oder zwischen den Fans Platz. Kein gutes Bild, und erst recht keine gute Verhandlungsbasis für die Mannschaftseigner, Manager und Spielerberater – die den Markt in Italien „ganz unter sich“ regeln. Obwohl der italienische Vereins-Fußball in den vergangenen Jahren an Akzeptanz und Attraktivität gegenüber der englischen Premier League, der spanischen Primera Division und auch der Bundesliga eingebüßt hat blieb der Fußball bei den Italienern selbst immer die Nummer Eins. Der Calcio ist und bleibt das Tagesgespräch in Italien. Irgendetwas gibt es immer zu kommunizieren, anzuklagen oder zu präsentieren. Da kommt die Idee der "langen Bank" gerade recht.

Juves-Meister-Coach Antonio Conte, gerade erst zu einer zehnmonatigen Sperre verurteilt begrüßt die Änderung: „Längst überfällig, schließlich gehören alle Spieler eines Kaders zum Team.“ Ähnlich äußerten sich zahlreiche Trainer, die nun vielmehr „Entscheidungsmöglichkeiten“ in einem Spiel haben – obwohl weiterhin nur dreimal gewechselt werden kann. AS Roms Trainer, Zdenek Zeman, ein Urgestein der Serie A, sagte dagegen, auf die ihm ganz eigene trockene Art: „Für mich ändert sich eigentlich nicht viel. 18 Spieler waren bisher völlig ausreichend …“. Viel „Ballyhoo“ um Nichts, also? Vielleicht passte die Regeländerung auch einfach ins Sommerloch oder als Ablenkungsmanöver, um von den Schattenseiten des Calcio abzulenken.

Giovanni Deriu, 41 Jahre, Redakteur und freier Journalist, zudem DaF-Dozent, besucht regelmäßig Italien und Tschechien. Den italienischen und tschechischen Fußball beobachtet Deriu seit vielen Jahren

 

 

 



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