A N Z E I G E

Zurück  |  

INTERVIEW
„Es gibt Spielertypen da sträuben sich mir die Haare“
Bundestrainer Joachim Löw erklärt, worauf es im modernen Fußball  ankommt und warum die Zeit der „Aggressive Leader" auf höchstem Niveau gezählt sind. Ein Auszug aus dem Buch „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg“. Interview Roger Repplinger

 

Joachim Löw

„Wir erobern den Ball gut, wenn wir kompakt stehen“: Joachim Löw über eines der Erfolgsrezepte seiner Elf beim grandiosen Sieg gegen Argentinien bei der WM Foto Pixathlon

 

 

Buch Nationalelf

Das komplette Interview mit Joachim Löw lesen Sie in „Die Fußball-Nationalmannschaft. Auf der Spur zum Erfolg" vom Matthias Greulich (Hg.) und Sven Simon. 176 Seiten, 19,90 Euro, Copress Verlag. ISBN 978-3-7679-1048-5

 

 

Herr Löw, wie sind gute Mannschaften in Schwierigkeiten zu bringen?
Joachim Löw: Wenn sie den Ball in der Vorwärtsbewegung verlieren, unorganisiert sind. Deshalb muss man den Ball erobern und blitzartig umschalten.

Balleroberungen sind enorm wichtig?
Ja – siehe unser WM-Spiel gegen Argentinien. Die Mannschaft war offen, aber nicht, weil wir Messi nur durch Fouls gestoppt haben, sondern weil wir ihm den Ball abnehmen oder den Pass abfangen konnten. Deshalb haben wir gegen Argentinien viele Räume bekommen. Bei der unmittelbaren, schnellen Balleroberung müssen wir uns verbessern. Wir erobern den Ball gut, wenn wir kompakt stehen. Das haben wir bei der WM am besten gemacht. Aber nach eigenem Ballverlust sofort nach zusetzen und den Ball zu gewinnen, das machen die Spanier gut. Deshalb sind die Spanier nicht nur offensiv eine gute Mannschaft, sondern auch defensiv. Sie verlieren vorne den Ball, aber Iniesta, Xavi schalten innerhalb von zwei bis vier Sekunden um, und wollen den Ball wieder.

Kann man sagen, dass die Zeit von Spielern, die das Spiel des Gegners durch Fouls unterbinden, zu Ende geht?
Ja. Aber es gibt eben leider auch Trainer, die von einem „aggressive Leader“ sprechen und vom „Akzente setzen“, und davon, ein Foul zu machen, um den Gegner zu beeindrucken.

So ein Trainer sind sie nicht?
Nein. Es gibt Spielertypen in der Bundesliga, da sträuben sich mir die Haare, die nur von ihrer Härte, ihrer Aggressivität leben. Auf einem hohen Niveau haben diese Spieler nichts mehr zu suchen und sind folglich auch bei einer Topmannschaft nicht zu finden. Nur wenn ich das Spiel des Gegners zerstören will und selbst fürs Spiel nichts tue, können solche Spieler von einem gewissen Wert sein.

Sie dagegen suchen Spieler wie Sven Bender von Borussia Dortmund, dem Balleroberungen im Mittelfeld gelingen, ohne Grätschen, ohne Fouls.
Das macht er hervorragend. Es ist auf dieser Position im zentralen Mittelfeld aber noch mehr gefragt: spielerische Klasse, um den Ballgewinn auch umsetzen zu können. Da kann er sich noch verbessern, aber in der defensiven Balleroberung habe ich ihn in dieser Saison ein paar Mal sehr, sehr gut gesehen.

Ein Beispiel?
Wenn ich Diego nehme, und sehe, wie andere Mannschaften früher in Bremen und jetzt in Wolfsburg gegen ihn spielen: umreißen, Foul spielen, Freistoß, daraus ergeben sich Tore. Und dann sehe ich, wie Sven Bender das macht: ohne Foul, Diego einfach begleiten und ablaufen. Begleiten ist das Wichtige, so lange, bis man den Ball gewinnt. Wenn ich grätsche, bin ich auf dem Boden, und komme nie mehr hinterher.

Beim 4-4-2, der Grundformation der Nationalmannschaft bei Ballbesitz, ist eine der Voraussetzungen, dass die Spieler auf den Außenpositionen ihre Seite halten, und nicht ständig nach innen drängen.
In der Defensive, wenn der Gegner den Ball hat, können sie die Seite verlassen, in der Offensive ist es gut, wenn sie die Seite halten, um den Platz breit zu machen, die Breite zu nutzen. Sie müssen sich den Raum selbst schaffen, um gutes Passspiel zu etablieren.

Es gibt viele Mittelfeldspieler, die damit Schwierigkeiten haben.
Das war auch bei uns lange Zeit ein Problem. Links hat Schweinsteiger gespielt, nicht unbedingt ein Außenbahnspieler, rechts Tim Borowski, Piotr Trochowski, und wer da noch alles gespielt hat, und alle sind immer in die Mitte gedrängt, in einem Bereich von vier, fünf Meter, so dass zentral der Raum eng wurde. Der Gegner hat nur darauf gewartet, dass er den Ball abfangen kann.

Das ist besser geworden.
Wir haben Spieler wie Müller, der außen spielen kann, Podolski haben wir daran gewöhnt, außen zu spielen, er macht das zunehmend besser, Großkreutz ist ein Kandidat und auch Götze bietet sich jetzt an, wobei er früher oder später ins Zentrum rücken wird. All diese Spieler sind so ausgebildet, dass sie gerne an der Linie spielen, sie können auch die Linie halten und freuen sich, wenn sie an der Linie spielen können. Für unser Spiel ist das ein Vorteil.

Gibt es Weiterentwicklungen ihrer Grundordnung, des 4-5-1, die Sie im Kopf haben?
Von der Raumaufteilung her gibt es da immer ein paar Variationen. Aber noch einmal: Was ich bei unserer Mannschaft sehe, ist vor allem, dass wir an der Passqualität arbeiten müssen. Da sind die Spanier wahnsinnig schnell, aber auch in ihrer Schnelligkeit sicher. In der Bundesliga sehe ich dagegen bei einem Teil der Spieler, einem großen Teil, erhebliche Defizite.

Beim Passspiel?
Ja, das kann man beobachten. Diese halbhohen Zuspiele auf zehn Meter, diese halbgaren Pässe, das unseriöse Passspiel, da werden die Balle halbhoch ins Mittelfeld gespielt, da hat der Mitspieler kaum die Chance, den Ball zu verarbeiten. Kann er ihn verarbeiten, ist der Gegner da.

 

Joachim Löw wurde am 3. Februar 1960 in Schönau im Schwarzwald geboren. Als Profi spielte er unter anderem beim SC Freiburg, VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt, Karlsruher SC sowie beim FC Schaffhausen und FC Winterthur in der Schweiz. 1995 holte ihn Rolf Fringer als sein Assistenztrainer zum VfB Stuttgart. Als Fringer ein Jahr später auf den Posten des schweizerischen Nationaltrainers wechselte, wurde Löw sein Nachfolger. 1997 gewann er mit Stuttgart den DFB-Pokal, 1998 unterlag der VfB dem FC Chelsea im Finale des Europapokals der Pokalsieger und wurde Vierter in der Bundesliga. Stuttgarts damaliger Präsiden Gerhard Meyer-Vorfelder entließ Löw dennoch und verpflichtete Winfried Schäfer als Nachfolger. Joachim Löws weitere Stationen: Fenerbahce Istanbul, Karlsruher SC, Adanaspor, FC Tirol Innsbruck und Austria Wien. Im Juli 2004 wurde Löw Co-Trainer von Bundestrainer Jürgen Klinsmann, seit August 2006 ist er dessen Nachfolger. Von der französischen Sportzeitschrift „L’Équipe“ wurde Joachim Löw zum „Trainer des Jahres 2010“ gewählt.Sein Vertrag als Bundestrainer läuft bis zum Sommer 2014.

 



Zurück  |